{"id":69,"date":"2017-04-25T17:37:48","date_gmt":"2017-04-25T17:37:48","guid":{"rendered":"http:\/\/christiankoehn.de\/?p=69"},"modified":"2017-04-25T17:39:37","modified_gmt":"2017-04-25T17:39:37","slug":"johannes-brahms-klavierstuecke-op-119","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christiankoehn.de\/?p=69","title":{"rendered":"Johannes Brahms, Klavierst\u00fccke op. 119"},"content":{"rendered":"<p>Die vier Klavierst\u00fccke op. 119 entstanden zusammen mit den sechs St\u00fccken op. 118 im Sommer 1893 in Bad Ischl. <!--more-->Von den vier Zyklen op. 116 bis op. 119 haben sie die k\u00fcrzeste Dauer, und sie sind Brahms\u2018 letztes Werk f\u00fcr Klavier solo. Auf kurzem Raum umfassen sie noch einmal das ganze Ausdrucksspektrum seiner Klaviermusik: Sehns\u00fcchtiges und Fr\u00f6hliches, Grazi\u00f6ses und Pomp\u00f6ses, Heiteres und tief Trauriges. Vor allem durch das Scherzo-artige dritte St\u00fcck und das m\u00e4chtige Finale enth\u00e4lt der Zyklus \u2013 im Gegensatz zu op. 116 bis 118 \u2013 einen Rest von traditioneller Viers\u00e4tzigkeit.<br \/>\nDas Intermezzo in h-moll beginnt vorsichtig tastend, indem der Klang von einem einzelnen Ton jeweils durch absteigende Terzen nach und nach aufgef\u00fcllt wird. Diese Terzenschichtung kann als sp\u00e4te Reminiszenz an das Andante aus der f-moll-Sonate op. 5 geh\u00f6rt werden. In einem Brief an Clara Schumann schrieb Brahms: \u201eDas kleine St\u00fcck ist ausnehmend melancholisch, und \u201asehr langsam zu spielen\u2018 ist nicht genug gesagt. Jeder Takt und jede Note mu\u00df wie ritard. klingen, als ob man Melancholie aus jeder einzelnen saugen wolle, mit Wollust und Behagen (\u2026)!\u201c Im zweiten Teil des St\u00fcckes schwingt der 3\/8-Takt in einem wundervollen, sehns\u00fcchtigen langsamen Walzer.<br \/>\nDas Intermezzo Nr. 2 in e-moll ist im A-Teil demgegen\u00fcber von innerer Unruhe durchdrungen, die sich in den, zwischen rechter und linker Hand alterierenden, Doppelgriffen, aber auch in Phrasen irregul\u00e4rer L\u00e4nge \u00e4u\u00dfert. Die typisch Brahmssche, etwas ambivalente Tempobezeichnung \u201eAndantino un poco agitato\u201c trifft den ganz speziellen Tonfall dieses St\u00fcckes sehr pr\u00e4zise. Formal durchl\u00e4uft das Anfangsthema eine Reihe von Variationen, bevor es mit einem langen Septakkord den zweiten Abschnitt in E-Dur vorbereitet. Dieses \u201eAndantino grazioso&#8220; geh\u00f6rt f\u00fcr mich zu den sch\u00f6nsten Einf\u00e4llen in Brahms\u2018 Schaffen. Ganz zart (\u201emolto p e dolce\u201c) wird das Anfangsthema zu einem weich schwingenden, sehnsuchtsvollen Walzer variiert, oder besser gesagt: veredelt. Wie an vielen Stellen (vor allem) im Sp\u00e4twerk klingt dieser Walzer wie aus weiter Ferne an, mehr als sehns\u00fcchtiger Traum denn als Realit\u00e4t. Nach diesem bewegenden Mittelteil folgt eine variierte Reprise des A-Teils, an den sich noch einmal eine ganz kurze Reminiszenz an den Walzer-Teil anschlie\u00dft.<br \/>\nDas Intermezzo Nr. 3 in C-Dur, ist das mit Abstand k\u00fcrzeste und das heiterste der vier St\u00fccke (man muss wohl schon \u00fcber besondere Gehirnwindungen verf\u00fcgen, um aus diesem St\u00fcck trotz aller \u201egrazioso\u201c, \u201egiocoso\u201c und \u201eleggiero\u201c-Bezeichnungen einen langsam getragenen, geradezu feierlichen Gesang zu machen, wie Valery Afanassiev das tut). Ein t\u00e4nzerisch-leichtes 6\/8-Thema wird von perkussiven Terzen \u00fcber- und von einem durch die Lagen springenden Bass unterlegt und im Laufe des St\u00fcckes vielf\u00e4ltig variiert. Ein etwas \u201eernsterer\u201c Abschnitt, in dem das Thema in der Vergr\u00f6\u00dferung und legato beginnt (T. 41f.) wird nach drei Takten durch ein kurzes Abw\u00e4rts-Arpeggio kurzerhand abgebrochen. Nach einer Kette von luftig-leicht hingetupften Staccato-Akkorden schlie\u00dft das St\u00fcck mit zwei entschlossenen Schlussakkorden.<br \/>\nDie abschlie\u00dfende gro\u00dfe Rhapsodie in Es-Dur ist eines der monumentalsten Klavierwerke von Brahms, vergleichbar h\u00f6chstens noch mit den Kopfs\u00e4tzen der fr\u00fchen Klaviersonaten (der akkordische Satz ihres Hauptthemas hat tats\u00e4chlich eine gewisse \u00c4hnlichkeit mit dem Hauptthema der C-Dur-Sonate op. 1). Der sehr einfachen Harmonik, dem simplen, meist aus einer Viertel und zwei Achteln bestehenden Rhyhthmus und der beinahe primitiven Melodie steht eine irritierende, weil durchgehend f\u00fcnftaktige Phrasierung entgegen. Der ganze Beginn ist nach den \u00e4u\u00dferst sensiblen, feinen, vielschichtigen ersten drei St\u00fccken dennoch von geradezu brutaler, archaischer Einfachheit und Direktheit. Von den beiden folgenden Mittelteilen wird der erste in c-moll durch den triolischen Beginn aller Takte motorisch vorangetrieben und beh\u00e4lt den dunklen, kraftvollen Charakter trotz seines piano-Beginns bei, w\u00e4hrend der zweite in As-Dur mit seinen arpeggierten Akkorden und seinen springenden Staccato-B\u00e4ssen an das Intermezzo Nr. 3 erinnert. In diesem Abschnitt besonders auffallend: Einer dreitaktigen Phrase folgt jeweils eine f\u00fcnftaktige. Nach einer variierten Wiederholung des c-moll-Teils beginnt die Reprise des A-Teils ganz ungew\u00f6hnlich als eher heitere, entspannte piano-Variation in C-Dur und steigert sich ganz allm\u00e4hlich bis zur Wiederkehr des Anfangsthemas in Originalgestalt. H\u00f6hepunkt dieses beindruckenden St\u00fcckes ist die Coda in es-moll, die sich geradezu zu einem Wutausbruch steigert: Wilde Spr\u00fcnge, heftige Akzente auf den \u201efalschen\u201c Taktzeiten, energische Arpeggien f\u00fchren zu einer virtuosen Triolen-Kette und schlie\u00dflich zu einem m\u00e4chtigen, akkordischen Schluss in dunklem es-moll (nebenher: Ich kenne keine beeindruckendere Aufnahme dieses Schlusses als die von Julius Katchen). So steht am Ende von Brahms\u2018 Klavierwerk ein \u00e4hnlich kompromissloser, entschlossener, w\u00fctender Schluss wie am Ende seiner vierten (und letzten) Symphonie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die vier Klavierst\u00fccke op. 119 entstanden zusammen mit den sechs St\u00fccken op. 118 im Sommer 1893 in Bad Ischl.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"om_disable_all_campaigns":false,"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[2],"tags":[],"class_list":["post-69","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-werkbesprechungen"],"aioseo_notices":[],"aioseo_head":"\n\t\t<!-- All in One SEO 4.9.8 - aioseo.com -->\n\t<meta name=\"description\" content=\"Die vier Klavierst\u00fccke op. 119 entstanden zusammen mit den sechs St\u00fccken op. 118 im Sommer 1893 in Bad Ischl. 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Auf kurzem Raum umfassen sie noch einmal das ganze Ausdrucksspektrum seiner Klaviermusik: Sehns\u00fcchtiges","twitter:image":"https:\/\/christiankoehn.de\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/Christian-Koehn-2024-klein.jpg"},"aioseo_meta_data":{"post_id":"69","title":null,"description":null,"keywords":null,"keyphrases":null,"primary_term":null,"canonical_url":null,"og_title":null,"og_description":null,"og_object_type":"default","og_image_type":"default","og_image_url":null,"og_image_width":null,"og_image_height":null,"og_image_custom_url":null,"og_image_custom_fields":null,"og_video":null,"og_custom_url":null,"og_article_section":null,"og_article_tags":null,"twitter_use_og":false,"twitter_card":"default","twitter_image_type":"default","twitter_image_url":null,"twitter_image_custom_url":null,"twitter_image_custom_fields":null,"twitter_title":null,"twitter_description":null,"schema":{"blockGraphs":[],"customGraphs":[],"default":{"data":{"Article":[],"Course":[],"Dataset":[],"FAQPage":[],"Movie":[],"Person":[],"Product":[],"ProductReview":[],"Car":[],"Recipe":[],"Service":[],"SoftwareApplication":[],"WebPage":[]},"graphName":"","isEnabled":true},"graphs":[]},"schema_type":null,"schema_type_options":null,"pillar_content":false,"robots_default":true,"robots_noindex":false,"robots_noarchive":false,"robots_nosnippet":false,"robots_nofollow":false,"robots_noimageindex":false,"robots_noodp":false,"robots_notranslate":false,"robots_max_snippet":null,"robots_max_videopreview":null,"robots_max_imagepreview":"large","priority":null,"frequency":null,"location":null,"local_seo":null,"breadcrumb_settings":null,"limit_modified_date":false,"ai":null,"created":"2020-12-22 09:11:36","updated":"2025-06-07 10:35:39","seo_analyzer_scan_date":null},"aioseo_breadcrumb":"<div class=\"aioseo-breadcrumbs\"><span class=\"aioseo-breadcrumb\">\n\t\t\t<a href=\"https:\/\/christiankoehn.de\" title=\"Home\">Home<\/a>\n\t\t<\/span><span class=\"aioseo-breadcrumb-separator\">&raquo;<\/span><span class=\"aioseo-breadcrumb\">\n\t\t\t<a href=\"https:\/\/christiankoehn.de\/?cat=2\" title=\"Werkbesprechungen\">Werkbesprechungen<\/a>\n\t\t<\/span><span class=\"aioseo-breadcrumb-separator\">&raquo;<\/span><span class=\"aioseo-breadcrumb\">\n\t\t\tJohannes Brahms, Klavierst\u00fccke op. 119\n\t\t<\/span><\/div>","aioseo_breadcrumb_json":[{"label":"Home","link":"https:\/\/christiankoehn.de"},{"label":"Werkbesprechungen","link":"https:\/\/christiankoehn.de\/?cat=2"},{"label":"Johannes Brahms, Klavierst\u00fccke op. 119","link":"https:\/\/christiankoehn.de\/?p=69"}],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/christiankoehn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/69","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/christiankoehn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/christiankoehn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/christiankoehn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/christiankoehn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=69"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/christiankoehn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/69\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":74,"href":"https:\/\/christiankoehn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/69\/revisions\/74"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/christiankoehn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=69"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/christiankoehn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=69"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/christiankoehn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=69"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}