{"id":516,"date":"2019-06-14T20:07:03","date_gmt":"2019-06-14T18:07:03","guid":{"rendered":"http:\/\/christiankoehn.de\/?p=516"},"modified":"2020-04-14T16:00:17","modified_gmt":"2020-04-14T14:00:17","slug":"frank-bridge-1879-1941","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christiankoehn.de\/?p=516","title":{"rendered":"Frank Bridge (1879 &#8211; 1941)"},"content":{"rendered":"\n<p>Frank Bridge (geboren in Brighton, am 26. Februar 1879, gestorben am 10. Januar 1941 in Eastbourne) stammte aus einer musikalischen Familie. Sein Vater, urspr\u00fcnglich Lithograph, wandte sich sp\u00e4ter der Violine zu und reiste dazu in Seaford und Eastbourne herum, damit er seine Sch\u00fcler unterrichten konnte. <\/p>\n\n\n<p><!--more--><\/p>\n\n\n<p>Auch wurde er musikalischer Leiter des Empire Theatre, einer Musikhalle in Brighton. Bridge wurde ab seinem sechsten Lebensjahr von seinem Vater auf der Violine unterrichtet, und als &nbsp;sein Spiel weit genug fortgeschritten war, durfte er in dem Theaterorchester mitspielen. Dort vertrat er gelegentlich seinen Vater, w\u00e4hrend der auf Reisen war, und arrangierte auch f\u00fcr das Orchester. Die regelm\u00e4\u00dfigen Proben im h\u00e4uslichen Streichquartett legten den Grundstein f\u00fcr seine lebenslange Besch\u00e4ftigung mit der Kammermusik.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahre 1896 war sein Violinspiel soweit perfektioniert,\ndas er am Royal College of Music in London studieren konnte, wo er bis 1903\nblieb. Sein Geigenlehrer Achille Rivarde, fl\u00f6\u00dfte ihm ein Misstrauen gegen jede\nArt von Star-All\u00fcren oder Manierismen ein, sowohl in technischen wie auch interpretatorischen\nAspekten der Musik. Von der zweiten Violine im College Orchester wechselte er\nab 1899 zur Viola, seinem von da an bevorzugten Instrument in der Kammermusik.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kompositionsunterricht bei Stanford begann im Jahr 1899,\nund obwohl Bridge durch Stanfords Konservatismus h\u00e4ufig gereizt wurde,\nprofitierte er zweifellos von dessen Professionalit\u00e4t und der Betonung der\nPraktikabilit\u00e4t. Zwei Jahre sp\u00e4ter erhielt Bridge den &nbsp;Arthur Sullivan Preis f\u00fcr Komposition, und\n1903 die Tagore Goldmedaille &#8222;f\u00fcr den verdienstvollsten Sch\u00fcler&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend seiner Zeit an der Hochschule geh\u00f6rte Bridge einem\ninformellen Musikclub namens &#8222;Die geliebten Vagabunden&#8220; an, bei dem\nmusikalische Darbietungen, ernst und am\u00fcsant, durch freundschaftliche Diskussion\nbegleitet wurden. Aus dieser Gruppe bildete sich alsbald ein Streichquartett,\nzu dem auch Ethel Sinclair an der Violine z\u00e4hlte. Sie wurde in Elmore, in der\nN\u00e4he von Melbourne in Australien geboren und gewann ein Stipendium, mit dem sie\nab April 1899 am College studieren konnte. Sie teilte das Notenpult bei den\nzweiten Violinen im Collegeorchester mit Frank Bridge. So wurden sie ein Paar\nund heirateten 1908.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Verlassen der Hochschule verdiente Bridge seinen\nLebensunterhalt als Lehrer und Musiker in mehreren Quartetten, vor allem beim English\nString Quartet. Durch seine gewachsene Reputation wurde er vom Joachim-Quartett\neingeladen um &nbsp;in einer Auff\u00fchrung von\nBrahms Sextett in G-Dur mitzuwirken (1906). Daneben wirkte er in mehreren\nOrchestern mit und leitete die Repertoireproben von dem neu gegr\u00fcndeten New\nSymphony Orchestra (1905), sowie Opern-Auff\u00fchrungen im Savoy Theatre (1910-11)\nund Covent Garden (1913).<\/p>\n\n\n\n<p>Zentrale Bedeutung f\u00fcr die Entwicklung und f\u00fcr sein Ansehen\nals Komponist hatten seine Erfolge bei den Kammermusikwettbewerben, die der Gesch\u00e4ftsmann\nund Amateurgeiger W. Cobbett ins Leben gerufen und unterst\u00fctzt hatte. 1905\ngewann er den zweiten Preis in diesem Wettbewerb mit seinem\nPhantasie-Streichquartett in f-Moll. Zwei Jahre sp\u00e4ter folgte der erste Preis\nf\u00fcr sein Phantasie Klaviertrio in c-Moll. Ebenso gewannen sein Phantasie Klavierquartett\nin fis-Moll (1910) und sein zweites Streichquartett (1915) Preise. <\/p>\n\n\n\n<p>Trotz seiner Erfolge bei\nkammermusikalischen Werken blieben seine fr\u00fchen Orchesterwerke ungedruckt. Das\nerste vollst\u00e4ndige Orchesterwerk welches ver\u00f6ffentlicht wurde war die Suite, <strong>\u201eThe Sea\u201c<\/strong> (1911), die unter der Leitung\nvon Sir Henry Wood bei den \u201eProms\u201c am 24. September 1912 erstmalig aufgef\u00fchrt\nwurde. Es war ein sofortiger Erfolg und es blieb das erfolgreichste und\nmeistgespielte seiner Orchesterwerke. <\/p>\n\n\n\n<p>Als\nPazifist war Bridge tief ersch\u00fcttert durch den ersten Weltkrieg und geriet\n\u00fcberdies in finanzielle Schwierigkeiten. Um die schwindenden Einnahmen aus\nseinen Tantiemen zu kompensieren, musste er oft zwei Tage pro Woche Violinunterricht\ngeben, und das f\u00fcr viele m\u00e4\u00dfig begabte Sch\u00fcler an weit entfernten Orten. Daher\nblieb ihm nur wenig Zeit f\u00fcr die Komposition. Allerdings ver\u00e4nderte ein Treffen\nmit Frau Elizabeth Sprague Coolidge, der amerikanischen Patronin der\nKammermusik, seine Lage schlagartig. Sie lud Bridge im Jahre 1923 zum Berkshire-Festival\nein, bei ihr zu Hause in der N\u00e4he von Pittsfield Massachusetts, und kombinierte\ndies mit einer Tour die nach Cleveland, Boston, Detroit und New York f\u00fchrte. Mrs.\nSprague Coolidge gew\u00e4hrte Bridge in sehr gro\u00dfz\u00fcgiger Weise eine betr\u00e4chtliche\nRente f\u00fcr den Rest seines Lebens. Zum Dank widmete Bridge seiner G\u00f6nnerin eine\nReihe von Werken.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach seiner R\u00fcckkehr aus den USA hatte Bridge fast alle\nseine Verpflichtungen aufgegeben. Er f\u00fchlte sich isoliert und unverstanden,\nobwohl er eingeladen wurde, von Zeit zu Zeit in den 1930er Jahren als\nGastdirigent f\u00fcr die BBC t\u00e4tig zu werden. Seit 1932 litt er an Bluthochdruck\nund einem schwachen Herzen, was eine ernsthafte Schw\u00e4chung seiner Konzentrations-f\u00e4higkeit\nbewirkte. Dies f\u00fchrte schlie\u00dflich zu seinem Tod am 10. Januar 1941.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nmusikalische Stil von Bridge ist anfangs noch gepr\u00e4gt von den Einfl\u00fcssen die er\ndurch Brahms oder Stanford erhalten hat. Auch der Stil franz\u00f6sischer\nKomponisten wie Faur\u00e9 oder Vincent D\u2019Indy findet sich ansatzweise wieder.\nInsbesondere seine fr\u00fchen Kammermusik-werke zeichnen sich durch eine W\u00e4rme des\nAusdrucks und eine meisterhafte Verarbeitung aus. Man merkt den Praktiker im\nOrchester oder im Streichquartett. <\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend\ndes ersten Weltkrieges wollte Bridge Musik schreiben, die Trost spenden kann.\nEr konzentrierte sich in dieser Zeit stark auf Chor- und Orchesterwerke. Die Klaviersuite\n\u201eThe Hour Glass\u201c von 1920 zeigt aber schon die Fortschritte im Hinblick auf\nmoderne Klangformen und Motivverarbeitung. Insbesondere im dritten Satz, The\nMidnight Tide, wo er sich mit der Bitonalit\u00e4t besch\u00e4ftigt. Vollends zum\nDurchbruch gelangen seine neuen Kompositions-verfahren dann in der\nKlaviersonate von 1921-1924. Die Klangsprache ver\u00e4ndert sich zunehmend und es\ngibt Experimente in Richtung der freien Atonalit\u00e4t. Bridge bewunderte Alban\nBerg, ging aber nicht so weit wie die K\u00fcnstler der neuen Wiener Schule.\nAllerdings verwendet er in seinem dritten Streichquartett (1927) bereits\nmodifizierte Reihen (neun oder zehn der zw\u00f6lf chromatischen T\u00f6ne befinden sich\nin jedem Takt) und der bitonale Akkord, ein Moll-Dreiklang mit einem\nDur-Dreiklang um einen Ton h\u00f6her, wird eine Art \u201eFingerabdruck\u201c von Bridge. Die\nKonzentration auf Quinten und Quarten, um bitonale Akkorde in seinem vierten\nStreichquartett (1937) zu erzeugen, suggerieren ein eher neoklassischen Ansatz,\nwie er auch in dem kargen und markigen Divertimento f\u00fcr Holzbl\u00e4ser (1934-38) zu\nTage tritt. Leider konnte Bridge diese Entwicklungen wegen seiner\nfortschreitenden Krankheit nicht fortsetzen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Klavierwerke\nin chronologischer Reihenfolge<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>1902&nbsp;&nbsp;&nbsp; Pens\u00e9es Fugitives I in F minor<\/li><li>1902&nbsp;&nbsp;&nbsp; Scherzettino in G minor<\/li><li>1903&nbsp;&nbsp;&nbsp; Serenade<\/li><li>1903&nbsp;&nbsp;&nbsp; Moderato in E minor<\/li><li>1905&nbsp;&nbsp;&nbsp; Capriccio No. 1 in A minor<\/li><li>1905&nbsp;&nbsp;&nbsp; 2 Solos for Piano (A Sea Idyll; Capriccio No. 2)<\/li><li>1905&nbsp;&nbsp;&nbsp; \u00c9tude Rhapsodique in A minor<\/li><li>1905&nbsp;&nbsp;&nbsp; Norse Legend in G minor<\/li><li>1906&nbsp;&nbsp;&nbsp; Dramatic Fantasia<\/li><li>1906&nbsp;&nbsp;&nbsp; 3 Sketches (April; Rosemary; Valse Capricieuse)<\/li><li>c.1906\u20131908&nbsp;&nbsp; untitled work<\/li><li>1908&nbsp;&nbsp;&nbsp; 3 Pieces (Columbine; Minuet; Romance)<\/li><li>1913\u20131914&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 4 Characteristic Pieces (Solitude; Ecstasy; Sunset; Arabesque)<\/li><li>1916&nbsp;&nbsp;&nbsp; 2 Old English Songs (Sally in our Alley; Cherry Ripe) f\u00fcr Klavier zu 4 H\u00e4nden<\/li><li>1917&nbsp;&nbsp;&nbsp; 4 Characteristic Pieces (Water Nymphs; Fragrance; Bittersweet; Fireflies)<\/li><li>1917&nbsp;&nbsp;&nbsp; 3 Miniature Pastorals, Set 1<\/li><li>1917&nbsp;&nbsp;&nbsp; Fairy Tale, Suite (The Princess; The Ogre; The Spell; The Prince)<\/li><li>1918&nbsp;&nbsp;&nbsp; 3 Improvisations (At Dawn; A Vigil; A Revel)<\/li><li>c.1919 The Turtle&#8217;s Retort, One-step<\/li><li>1919\u20131920&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; The Hour Glass, Suite (Dusk; The Dew Fairy; The Midnight Tide)<\/li><li>1921&nbsp;&nbsp;&nbsp; 3 Miniature Pastorals, Set 2<\/li><li>1921&nbsp;&nbsp;&nbsp; 3 Miniature Pastorals, Set 3<\/li><li>1921&nbsp;&nbsp;&nbsp; Miniature Suite (Choral; Impromptu; Caprice; March)<\/li><li>1921&nbsp;&nbsp;&nbsp; Threads: 2 Intermezzi<\/li><li>1921&nbsp;&nbsp;&nbsp; In the Shop, Ballet (f\u00fcr Klavier zu 4 H\u00e4nden)<\/li><li>1921\u20131924&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Sonata<\/li><li>1921\u20131924&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; 3 Lyrics (Hearts Ease; Dainty Rogue; The Hedgerow)<\/li><li>1924&nbsp;&nbsp;&nbsp; In Autumn (Retrospect; Through the Eaves)<\/li><li>1925&nbsp;&nbsp;&nbsp; Vignettes de Marseille (Carmelita; Nicolette; Zoraida; En f\u00eate)<\/li><li>1925&nbsp;&nbsp;&nbsp; Winter Pastoral<\/li><li>1926&nbsp;&nbsp;&nbsp; Canzonetta (Happy South)<\/li><li>1926&nbsp;&nbsp;&nbsp; Graziella<\/li><li>1926&nbsp;&nbsp;&nbsp; A Dedication<\/li><li>c.1926 Hidden Fires<\/li><li>1928&nbsp;&nbsp;&nbsp; Gargoyle<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><strong>Dramatic Fantasia<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bei diesem Werk handelt es sich offenbar um den ersten Satz\neiner ansonsten verschollenen Sonate. Bridge hatte das Manuskript einer\nehemaligen Studienkollegin, Florence Smith aus Plymouth, gegeben, die es jedoch\nnie gespielt hat. So geriet es in Vergessenheit, und wurde in den 1970er Jahren\nwiederentdeckt.. Die erste Auff\u00fchrung besorgte dann 1979 Peter Jacobs (von dem\nauch eine der Gesamtaufnahmen stammt). Es handelt sich um ein relativ fr\u00fches\nWerk (1906), welches noch deutlich von sp\u00e4tromantischer Stimmung durchzogen ist.\nDer Aufbau ist zwar jenem eines Sonatenhauptsatzes angelehnt, aber eher frei\ngestaltet. Nach einer langsamen rezitativisch gestalteten Einleitung wird das\nHauptthema \u00fcber bewegten Sechszehnteln im punktierten Rhythmus und d\u00fcsterem\nes-Moll pr\u00e4sentiert. Dabei verdichtet sich die Musik zu m\u00e4chtigen Akkordbl\u00f6cken\nin der rechten Hand, und die Harmonik wird deutlich chromatisch eingef\u00e4rbt. Das\nNebenthema steht ebenfalls in es-Moll, und wird dann in einer hymnischen Abwandlung\nin B-Dur weitergef\u00fchrt. In der Durchf\u00fchrung, soweit man davon sprechen kann,\nwird vor allem das Nebenthema verarbeitet, aber wie es sich f\u00fcr eine Fantasie\ngeh\u00f6rt, tauchen noch weitere Themen auf. Auch die Reprise ist sehr frei\ngestaltet, und es wechseln sich dramatisch bewegte mit lyrischeren Passagen ab.\nDas Werk endet mit einem <em>fff<\/em>\nAusrufezeichen und einer Doppeloktave auf Es. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>4 Characteristic Pieces<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Diese 4 kurzen St\u00fccke zeigen den\navancierten Musiker Bridge, der fortschrittliche Stile seiner Zeit aufnahm und\nsie mit einer eigenen Stilistik versah.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201cWater Nymph\u201d<\/strong> demonstriert das deskriptive Talent von Bridge, indem\ner eine Szene illustriert die sehr eindr\u00fccklich ist. In diesem Fall eine\nWassernymphe, die durch chromatische Auf- und Abw\u00e4rtsbewegungen charakterisiert\nwird. <strong>\u201eFragrance\u201c<\/strong> (Duft) ist\nebenfalls ein sehr sch\u00f6nes Stimmungsbild, in dem mit relativ einfachen Mitteln\neine bet\u00f6rende Atmosph\u00e4re geschaffen wird. <strong>\u201eBittersweet\u201c<\/strong>\nist eine Studie, die wie auch die anderen St\u00fccke dieser Suite keiner Tonart\nzuzuordnen ist. Die Musik bewegt sich frei&nbsp;\nin einem weitgehend chromatischen Fluss. Auff\u00e4llig sind \u00c4hnlichkeiten zu\nKompositionen aus der gleichen Zeit, etwa von dem Katalanen Federico Mompou,\noder dem Russen Nicolay Roslavec, der ein \u201eneues Tonordnungsystem\u201c aus\nsynthetischen Akkorden, die fortw\u00e4hrend transponiert werden, entwickelt hatte.\nOb Bridge davon Kenntnis hatte ist jedoch fraglich. <strong>\u201eFireflies\u201c<\/strong> (Gl\u00fchw\u00fcrmchen) ist ein St\u00fcck voller schillernder\nBewegung mit stetig wechselnden Sekunden und Sechsten in der rechten Hand, und\neiner chromatischen Melodief\u00fchrung in der linken.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>3 Improvisations (f\u00fcr die linke Hand) <\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>At Dawn (In der D\u00e4mmerung)<\/li><li>A Vigil (eine Mahnwache)<\/li><li>A Revel (Feier) <\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Die 3 Improvisationen sind dem\nPianisten Douglas Fox gewidmet, der seinen rechten Arm bei einer Schlacht in Flandern\n1917 verloren hatte. Bridge schickte ihm die Komposition 1919 und schrieb dazu\n\u201eIch bezweifle das Sie von den St\u00fccken sofort eingenommen werden sein, wenn Sie\ndiese zum ersten&nbsp; Mal spielen, aber\narbeiten Sie nur ein wenig daran, und dann glaube ich, werden sie auf eigenen\nBeinen stehen und Sie freundlich anl\u00e4cheln\u201c. Obwohl Bridge niemals in einem Sch\u00fctzengraben\ngelegen hat, versucht er hier etwas von der Atmosph\u00e4re einzufangen. Eine bedrohliche\nund tr\u00fcgerische Ruhe in \u201eAt Dawn\u201c, eine expressive und dissonante Stille in \u201eA\nVigil\u201c und in \u201eA Revel\u201c&nbsp; fortlaufende Triolen\nund ein rhythmischer Sog.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>The\nHour Glass, Suite<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die 3 St\u00fccke \u201cThe Hour Glass\u201d von 1920 vermitteln sehr\nunterschiedliche Stimmungen. <strong>\u201eDusk\u201c<\/strong>\nist wie der Titel schon sagt von einer vernebelten Stimmung, die durch eine\nunbestimmte Harmonik zum Ausdruck gebracht wird. Das St\u00fcck ist im Geiste\nDebussys verfasst, und hat etwas Beklemmendes an sich. <strong>\u201eThe Dew Fairy\u201c <\/strong>(Die Tau Fee) ist eine zarte fast zerbrechliche\nArabeske voller harmonischer R\u00fcckungen und sanfter Bewegung. Im St\u00fcck <strong>\u201eMidnight tide\u201c<\/strong> (Mitternachtsflut)\nsp\u00fcrt man f\u00f6rmlich wie sich das Meer auft\u00fcrmt. Dem zaghaften Beginn folgt eine\ngewaltige Steigerung, welche sich im <em>fff<\/em>\nentl\u00e4dt, und danach wieder abklingt. Auch dieser Teil der Suite hat etwas\nBedrohliches, was durch die m\u00e4chtigen Akkorde mit permanenter Sekundreibung\nnoch verst\u00e4rkt wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Klaviersonate<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Sonate wurde zwischen 1922\nund 1924 komponiert, und ist dem Andenken von Ernest Bristow Farrar gewidmet,\nder im 1. Weltkrieg gefallen ist. Bridge war Pazifist, und so hat der Tod des\nFreundes im Kriege einen wichtigen Einfluss auf die Komposition ausge\u00fcbt. Am\n15.10.1925 wurde das Werk von Myra Hess, die zu diesem Zeitpunkt noch\nexperimentierfreudiger war als sp\u00e4ter in ihrer Karriere, uraufgef\u00fchrt. Es wurde\nvon den damaligen Kritikern zwiesp\u00e4ltig aufgenommen. So hie\u00df es z.B. \u201eman\nrespektiert das Werk eher als das man es liebt\u201c, oder \u201ees stammt aus direkter\nNachfolge von John Ireland\u201c. Heutzutage ist man etwas gn\u00e4diger, aber aufgef\u00fchrt\nwird es dennoch recht selten. Dabei ist es ein wirkungsvolles St\u00fcck, welches\ndem Interpreten einiges an technischem K\u00f6nnen wie auch an Gestaltung\nabverlangt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1. Satz Lento ma non troppo \u2013 Allegro energico<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Sonate beginnt langsam mit\neinem glockenartigen gis \u00fcber 2 Oktaven und darunter schreitenden entfernten\nHarmonien. Nach der enharmonischen Umdeutung des gis in ein as beginnt ein\nunruhiger Teil, der durch die vielen Dissonanzen und permanenten\nSekundreibungen sehr aggressiv wirkt. Es stellen sich hier Assoziationen zum\nKriegsgeschehen ein. Ein fallendes Motiv (gis-fis-e) zieht sich wie ein roter\nFaden durch den Satz, der wesentlich aus der Verarbeitung dieses Motives bzw.\nseinen Abwandlungen besteht. Diese Sequenztechnik erinnert ein wenig an ein\n\u00e4hnliches Verfahren, welches zeitgleich vom russischen Komponisten Nikolay\nRoslavec entwickelt wurde (\u201ezur B\u00e4ndigung der Chromatik\u201c). In der Tat ist die\nTonsprache dieses Satzes (und der ganzen Sonate) gegen\u00fcber vielen anderen\nKompositionen von Bridge sehr avanciert und durchaus auf der H\u00f6he der Zeit,\nwobei er konsequent Experimente mit Reihen vermeidet. Der Satz schlie\u00dft mit\neiner Coda, die von der Wiederkehr des doppelten gis, diesmal im <em>ff, eingeleitet wird.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>2. Satz Andante moderato<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der zweite Satz\nfolgt attacca in einer trostlosen Stimmung. Hier entfernt sich Bridge noch mehr\nals im ersten Satz von einer zentralen Tonalit\u00e4t, obwohl der Satz in einer\nhohlen d-Moll Quinte endet. Auch hier stellt sich das Bild eines verlassenen\nSchlachtfeldes ein, auf dem nur noch Verw\u00fcstung herrscht. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>3. Satz Lento- Allegro non troppo<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer\nlangsamen Einleitung folgt ein von kurzen Motiven bestimmter Aufschwung \u00fcber\nmehrere Oktaven. Der Duktus des Satzes ist unruhig, von h\u00e4ufigen Taktwechseln\nbestimmt und weit ausschwingend mit einer gro\u00dfen dynamischen Bandbreite.\nPunktierte Rhythmen wechseln sich ab mit Triolen und der Folge von 2\nAchtelnoten vor einer Viertelnote. Nach einer letzten abst\u00fcrzenden Figur im <em>fff <\/em>endet der Satz im ausklingenden <em>ppp.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Three Lyrics<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die<strong> \u201eThree Lyrics\u201c <\/strong>stammen\naus den Jahren 1921-24 und zeigen bereits eine fortgeschrittenere Tonsprache. <strong>Hearts Ease <\/strong>beginnt mitpentatonischen Akkorden <em>ppp<\/em> im hohen Diskant, die das ganze\nSt\u00fcck in einzelne Abschnitte gliedern. Dazwischen erklingt eine Melodie, deren\nGrundierung die Tonart E-Dur kaum verl\u00e4sst. <strong>Dainty Rogue<\/strong> (putziger Schalk) ist ein kurzes chromatisches\nScherzando, eine Art Scarbo im Kleinformat. Es huscht schnell vor\u00fcber und\nvollf\u00fchrt dabei allerlei Spr\u00fcnge. <strong>The\nHedgerow<\/strong> (der Heckenweg) ist von st\u00e4ndigen Stimmungs- und Harmoniewechseln\ndurchzogen, die niemals Ruhe aufkommen lassen. Auch hier \u00fcberwiegt das\nchromatische Kolorit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vignettes de Marseille<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das erste der 4 St\u00fccke <strong>\u201eCarmelita\u201c<\/strong> w\u00fcrde man statt in\nMarseille eher in Cadiz verorten, denn es verstr\u00f6mt den Charme\nspanisch-arabischer Musik mit seinen scharfen Akzenten und der\nGitarrenimitation. Man w\u00fcrde niemals vermuten, dieses St\u00fcck sei von einem\nbritischen Komponisten geschaffen worden. Aber Frank Bridge war ein sehr\nwandlungsf\u00e4higer Musiker. <strong>\u201eNicolette\u201c<\/strong>\nist ein kaprizi\u00f6ses Wesen, das sich zun\u00e4chst ziert ihren Tanz zu beginnen, aber\ndann doch ein reizendes Ballett auff\u00fchrt. <strong>\u201eZoraida\u201c<\/strong>\nsteht f\u00fcr die in Marseille vertretenen arabisch-maurischen Ethnien, und <strong>\u201eEn f\u00eate\u201c<\/strong> beschlie\u00dft den Zyklus in\neiner ausgelassenen Stimmung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gargoyle<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Gargoyles <\/strong>sind die Wasserspeier, welche sich z. B &nbsp;an gotischen Kirchen finden. Das St\u00fcck wurde\nim Sommer 1928 komponiert, und zeigt Bridge in seiner expressionistischen Phase\nmit einer sehr fortgeschrittenen Klangsprache. Da sein Verleger es nicht\nver\u00f6ffentlichen wollte, musste das Werk bis 1975 auf seine Erstauff\u00fchrung\nwarten. Der Musikwissenschaftler Paul Hindmarsh besorgte dann die Erstausgabe.\nEr bemerkte dazu: \u201eDieses Werk ist in mehrfacher Hinsicht eines der\noriginellsten von Bridge, und seine formale Gestalt, wie auch die harmonische\nSprache sind absolut neuartig\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich ist die Musik mit seiner\npermanenten Chromatik, den rhythmischen Vertracktheiten und dem sprunghaften\nCharakter ziemlich einzigartig in der Klaviermusik von Frank Bridge, und sie zeigt\ndie Entwicklung seiner Klaviermusik in seinem letzten Lebensabschnitt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Diskografie<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es existieren 3 Gesamtaufnahmen der Klavierwerke (Stand M\u00e4rz\n2019, wobei es in jeder dieser Aufnahmen L\u00fccken gibt). Leider bleiben einzelne\nSt\u00fcck trotz allem weiterhin unaufgenommen.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Peter Jacobs&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Continuum<\/li><li>Ashley Wass&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; Naxos<\/li><li>Mark Bebbington&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; SOMM<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><strong>Bibliografie<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>The Music of Frank Bridge<br> Fabian Huss <\/p>\n\n\n\n<p>Frank Bridge: Radical and Conservative<br> Anthony Payne <\/p>\n\n\n\n<p>The music of Frank Bridge<br> Anthony Payne, Lewis Foreman, John Bishop <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frank Bridge (geboren in Brighton, am 26. Februar 1879, gestorben am 10. Januar 1941 in Eastbourne) stammte aus einer musikalischen Familie. Sein Vater, urspr\u00fcnglich Lithograph, wandte sich sp\u00e4ter der Violine zu und reiste dazu in Seaford und Eastbourne herum, damit er seine Sch\u00fcler unterrichten konnte.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"om_disable_all_campaigns":false,"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[15,13],"tags":[],"class_list":["post-516","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-die-klaviermusik-in-grossbritannien","category-gastebeitraege"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/christiankoehn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/516","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/christiankoehn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/christiankoehn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/christiankoehn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/christiankoehn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=516"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/christiankoehn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/516\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":529,"href":"https:\/\/christiankoehn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/516\/revisions\/529"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/christiankoehn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=516"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/christiankoehn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=516"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/christiankoehn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=516"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}