{"id":469,"date":"2019-01-10T19:09:54","date_gmt":"2019-01-10T17:09:54","guid":{"rendered":"http:\/\/christiankoehn.de\/?p=469"},"modified":"2019-01-15T16:25:24","modified_gmt":"2019-01-15T14:25:24","slug":"zwischen-goettern-und-daemonen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christiankoehn.de\/?p=469","title":{"rendered":"Zwischen G\u00f6ttern und D\u00e4monen"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.allitera-verlag.de\/buch\/zwischen-goettern-und-daemonen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/christiankoehn.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/978-3-96233-054-5.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-488\" width=\"137\" height=\"195\" srcset=\"https:\/\/christiankoehn.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/978-3-96233-054-5.jpg 250w, https:\/\/christiankoehn.de\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/978-3-96233-054-5-211x300.jpg 211w\" sizes=\"auto, (max-width: 137px) 100vw, 137px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n<p>Hans-Walter Schmuhls Studie \u00fcber Martin Stephanis NS-Vergangenheit ist erschienen.<!--more--><\/p>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenige Tage vor dem 100. Geburtstag des Dirigenten und langj\u00e4hrigen Leiters der Musikhochschule Detmold Martin Stephani am 2.11.2015 gab der amtierende Rektor Prof. Dr. Thomas Grosse bei der Semesterer\u00f6ffnung bekannt, dass das Rektorat, statt Stephani mit einem Gedenkkonzert zu ehren, den Bielefelder Zeithistoriker Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl mit der Erforschung von dessen NS-Vergangenheit beauftragt habe. Das f\u00fchrte in Detmold sowie in der lokalen und \u00fcberregionalen Presse zu teilweise kontroversen Diskussionen. Der Senat der Hochschule stellte sich hingegen in seltener Einm\u00fctigkeit hinter das Vorgehen des Rektorats. \u00dcber diese &#8222;Causa Stephani&#8220; und ein erstes, vorl\u00e4ufiges Fazit von Hans-Walter Schmuhl war auch <a href=\"https:\/\/christiankoehn.de\/?p=112\">in diesem Blog<\/a> zu lesen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach fast dreij\u00e4hriger Forschungsarbeit ist jetzt beim Allitera-Verlag in der Reihe &#8222;Beitr\u00e4ge zur Kulturgeschichte der Musik&#8220; das Ergebnis ver\u00f6ffentlicht worden. Hans-Walter Schmuhl hat dabei erheblich mehr Quellen entdeckt und erschlossen, als zun\u00e4chst zu hoffen war, darunter umfangreiche Best\u00e4nde aus verschiedenen Archiven sowie Briefe aus Privatbesitz. Interviews mit Zeitzeugen vervollst\u00e4ndigen das Bild, das sich so zu einer 350-seitigen beeindruckenden, aber auch bedr\u00fcckenden Studie \u00fcber das Leben eines Musikers im Spannungsfeld zwischen Kunst und Politik sowie seine nachtr\u00e4gliche Selbststilisierung zum angeblich &#8222;rein k\u00fcnstlerisch&#8220; t\u00e4tigen Musiker verdichtet. Besonders aufschlussreich ist dabei der Vergleich von Lebensl\u00e4ufen, die Stephani aus verschiedenen Anl\u00e4ssen zwischen 1937 und 1959 geschrieben hat. Minuti\u00f6s weist Schmuhl eine &#8222;Vielzahl von Auslassungen, Verk\u00fcrzungen, Verzerrungen und Umdeutungen&#8220; nach und beweist dadurch &#8222;den Konstruktcharakter des hier entworfenen Narrativs&#8220;. Dieses Narrativ f\u00fchrte im Entnazifizierungsverfahren 1948 dazu, dass Stephani als &#8222;unbelastet&#8220; eingestuft wurde (was f\u00fcr einige seiner <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.lz.de\/lippe\/kultur\/20624825_Ehemalige-Professoren-gegen-Aufarbeitung-der-Causa-Stephani.html\" target=\"_blank\">\u00fcberwiegend der \u00e4lteren Generation angeh\u00f6rigen<\/a> Verteidiger bis auf den heutigen Tag Grund genug ist, die Sache als abgeschlossen zu betrachten) und war damit die Basis von Stephanis beachtlicher Nachkriegskarriere. Derselbe Mann, der in einem Lebenslauf von Dezember 1944 stolz seine &#8222;Eignung als Nachwuchsdirigent von betont politischer Haltung&#8220; herausstellte, behauptete wenige Jahre sp\u00e4ter, er sei &#8222;von jeher unpolitisch&#8220; gewesen und habe im SS-F\u00fchrungshauptamt &#8222;rein k\u00fcnstlerisch&#8220; gewirkt. Die Quellen besagen etwas anderes: Er sah seine Aufgabe als Musiker darin, &#8222;dem Volk mit Hilfe der musikalischen Hochkultur den Zugang zum Metaphysischen zu er\u00f6ffnen \u2013 und damit eine wahrhaft nationalsozialistische Weltanschauung zu vermitteln&#8220;. Nach anf\u00e4nglicher Skepsis, sich der Hitlerjugend anzuschlie\u00dfen formulierte er sp\u00e4ter in privaten Briefen seine emphatische Unterst\u00fctzung des &#8222;heiligen Kriegs&#8220; und der Kriegsziele des nationalsozialistischen Deutschlands. Dazu z\u00e4hlte er ausdr\u00fccklich auch den weltanschaulichen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion (&#8222;wohl die genialste Tat des F\u00fchrers seit Kriegsbeginn&#8220;) und die Entrechtung und Verfolgung der Juden (&#8222;es kann nicht mehr bestritten werden, dass sie das Gift sind u., bewusst oder unbewusst, die Welt des menschlichen Daseins der Aufl\u00f6sung entgegentreiben&#8220;). Zudem hat Stephani mit hoher Wahrscheinlichkeit auch aktiv zur Ausgrenzung Musiker j\u00fcdischen Glaubens oder j\u00fcdischer Herkunft aus der Gesellschaft beigetragen, indem er im Januar 1942 ma\u00dfgeblich am Erlass einer Verf\u00fcgung des SS-F\u00fchrungshauptamtes zu &#8222;Werken j\u00fcdischer, unerw\u00fcnschter und empfohlener Komponisten&#8220; mitwirkte, die zum Teil noch \u00fcber das ber\u00fcchtigte &#8222;Lexikon der Juden in der Musik&#8220; hinausging. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Martin Stephani unterst\u00fctzte nicht nur die nationalsozialistischen Eroberungziele sondern glaubte bis in die Endphase des Krieges an den &#8222;Endsieg&#8220;. Er distanzierte sich von den Attent\u00e4tern des 20. Juli 1944, und noch Ende Dezember desselben Jahres schloss er seine Ehe &#8222;in \u00f6ffentlichem Rahmen nach SS-Ritus&#8220;. Seine Nachkriegsbehauptungen, er habe sich f\u00fcr verfolgte Musiker eingesetzt, werden durch die Quellen nicht gest\u00fctzt. Auch seine Parteinahme f\u00fcr Paul Hindemith wertet Hans-Walter Schmuhl nicht als &#8222;Beleg f\u00fcr eine grundlegend systemkritische Haltung, sondern Ausweis der Widerspr\u00fcche und Spannungen innerhalb des polykratischen Herrschaftssystems des Nationalsozialismus&#8220;. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nachdem Stephani die Entlastung im Entnazifizierungsverfahren erreicht hatte, stand seiner Nachkriegskarriere beinahe nichts mehr im Wege: Lediglich seine Bewerbung als St\u00e4dtischer Musikdirektor in Bielefeld scheiterte 1949\/50 noch an seiner braunen Vergangenheit, danach ging es mit den Stationen als Dirigent der Konzertgesellschaft Wuppertal 1951, der Anstellung als Dozent an der neugegr\u00fcndeten Nordwestdeutschen Musikakademie Detmold  (heute Hochschule f\u00fcr Musik) 1957 und schlie\u00dflich der Berufung zu deren Direktor zwei Jahre sp\u00e4ter steil bergauf. 23 Jahre pr\u00e4gte und gestaltete er eine Institution, die ihm bis heute viel zu verdanken hat. Gerade wegen Stephanis \u00fcberragender Bedeutung gab es f\u00fcr die Hochschule keine andere Wahl, als sich endlich auch den Fragen zu stellen, die sich aus seiner Vergangenheit ergeben. Im Vorwort zu Hans-Walter Schmuhls Buch verweist der amtierende Rektor Thomas Grosse noch einmal auf die Verpflichtung der Hochschule, &#8222;als Bildungsinstitution [&#8230;] ihren Studierenden deutlich zu machen, dass die Musik zwischen den Interessen von Kunst und Politik immer von einer Vereinnahmung und missbr\u00e4uchlicher Verwendung bedroht ist.&#8220; Das vorliegende Buch ist ein beeindruckendes Zeugnis dieser Erkenntnis. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans-Walter Schmuhls Studie \u00fcber Martin Stephanis NS-Vergangenheit ist erschienen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"om_disable_all_campaigns":false,"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[9],"tags":[],"class_list":["post-469","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-verschiedenes"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/christiankoehn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/469","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/christiankoehn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/christiankoehn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/christiankoehn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/christiankoehn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=469"}],"version-history":[{"count":19,"href":"https:\/\/christiankoehn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/469\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":514,"href":"https:\/\/christiankoehn.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/469\/revisions\/514"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/christiankoehn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=469"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/christiankoehn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=469"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/christiankoehn.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=469"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}