{"id":379,"date":"2018-08-11T17:24:38","date_gmt":"2018-08-11T17:24:38","guid":{"rendered":"http:\/\/christiankoehn.de\/?p=379"},"modified":"2018-12-22T09:56:57","modified_gmt":"2018-12-22T07:56:57","slug":"ueber-die-bedeutung-von-urtextausgaben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christiankoehn.de\/?p=379","title":{"rendered":"\u00dcber die Bedeutung von Urtextausgaben"},"content":{"rendered":"<p>Der Begriff &#8222;Urtext&#8220; suggeriert Urspr\u00fcngliches, Unverf\u00e4lschtes, Authentisches. Musiker, die Urtextausgaben verwenden, gehen in der Regel davon aus, den originalen Notentext des Komponisten ohne Hinzuf\u00fcgungen oder \u00c4nderungen vor sich zu haben. Ist das wirklich so? <!--more--><\/p>\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Urspr\u00fcnge und Geschichte des &#8222;Urtextes&#8220;<\/h4>\n\n\n\n<p>In Bezug auf die Literatur verdr\u00e4ngte das Wort &#8222;Urtext&#8220; im 18. Jahrhundert nach und nach den zuvor gebr\u00e4uchlichen Begriff &#8222;Grundtext&#8220;, mit dem nach dem <a href=\"http:\/\/woerterbuchnetz.de\/cgi-bin\/WBNetz\/wbgui_py?sigle=DWB&amp;mode=Vernetzung&amp;hitlist=&amp;patternlist=&amp;lemid=GG31297#XGG31297\">W\u00f6rterbuch der Br\u00fcder Grimm<\/a> &#8222;haupts\u00e4chlich der urspr\u00fcngliche Text gegen\u00fcber der \u00dcbersetzung&#8220; gemeint war. In Bezug auf Musikausgaben wurde der Begriff offenbar erstmals f\u00fcr eine am Ende des 19. Jahrhunderts bei Breitkopf &amp; H\u00e4rtel erschienene Reihe verwendet, die auf Autographen und Erstausgaben beruhte, um nach den Worten der Herausgeber &#8222;der Gefahr einer Quellenversumpfung vorzubeugen&#8220; und statt dessen &#8222;ein Werk in derjenigen Gestalt [&#8230;], in der es der Meister urspr\u00fcnglich vor der Welt hat erscheinen lassen&#8220;, zug\u00e4nglich zu machen. Diese Reihe war ihrer Zeit allerdings offenbar voraus und wurde nach nur wenigen Jahren wegen kommerzieller Erfolglosigkeit wieder eingestellt (siehe auch Wolf-Dieter Seiffert, Festvortrag an der Universit\u00e4t Mainz zum 65. Bestehen des G. Henle-Verlags). <br><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Grund f\u00fcr den lange anhaltenden Erfolg der &#8222;Interpretationsausgaben&#8220;, &#8222;instruktiven&#8220; oder &#8222;bezeichneten Ausgaben&#8220; d\u00fcrfte in der im 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhundert noch weit verbreiteten Hausmusikpraxis gelegen haben. Laienmusiker bedurften &#8211; ob tats\u00e4chlich oder vermeintlich sei dahingestellt &#8211; der Hilfestellung in Bezug auf Fingers\u00e4tze, Artikulation, Tempo- und Klanggestaltung usw., was dann zu teilweise erheblichen Eingriffen in die Notentexte f\u00fchrte. Von diesen Ausgaben haben viele &#8222;dann wieder anderen Ausgaben gleicher Bestimmung als Grundlage gedient&#8220; (so die Herausgeber der oben genannten Reihe), so dass &#8222;manche Werke allm\u00e4hlich mit einer vielfachen Schicht fremder Zutaten&#8220; \u00fcberzogen wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine entscheidende Wende zur\u00fcck zu den Prim\u00e4rquellen fand dann 1948 mit der Gr\u00fcndung des G. Henle-Verlags statt, der fortan ausschlie\u00dflich &#8222;Urtextausgaben&#8220; ver\u00f6ffentlichte und damit die anderen Verlage nach und nach in Zugzwang brachte. Wolf-Dieter Seiffert (siehe oben) erkl\u00e4rt diesen Erfolg unter anderem so:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Es mag wohl auch die Abscheu vor der Vergewaltigung und dem Missbrauch der als h\u00f6chstes Gut verehrten deutschen Musiktradition durch das Naziregime eine motivierende Rolle f\u00fcr die intensive Hinwendung zahlreicher Musikwissenschaftler nach 1945 zu den Musikquellen gespielt haben. Oder auch, im selben Kontext, die politisch unverd\u00e4chtige Besch\u00e4ftigung mit Archivalien, gewisserma\u00dfen der Versuch eines R\u00fcckzugs auf die objektivierbaren, puristischen Werte, auf die \u201eReinheit\u201c der Quellen- und Text\u00fcberlieferung.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Heutzutage ist die Verwendung von Urtextausgaben sowohl bei professionellen Musikern als auch bei bei den meisten Laien eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit; die einstmals alles beherrschenden &#8222;Interpretationsausgaben&#8220; sind weitgehend vom Markt verschwunden (scheinen allerdings durch inzwischen allgegenw\u00e4rtige kostenlose Download-Angebote eine gewisse Renaissance zu erleben). Der einzige Rest der alten Herausgebererg\u00e4nzungen und Hilfestellungen sind die vielfach noch vorhandenen Fingers\u00e4tze, die auch den meisten modernen Urtextausgaben zugegeben sind, die aber dann in der Regel im Druck von denen des Komponisten unterschieden sind. <br><\/p>\n\n\n\n<p>Der Erfolg der Urtextausgaben hat allerdings eine gewichtige Kehrseite: Dieses Etikett verleitet viele Musiker zu der falschen Annahme, damit seien alle Textfragen ein f\u00fcr alle Mal gekl\u00e4rt, denn mehr als &#8222;ur&#8220;-spr\u00fcnglich kann ein Text logischerweise nicht sein. Oder doch? <br><\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Was ist &#8222;Urtext&#8220;?<\/h4>\n\n\n\n<p>Die Vorstellung, dass eine Urtextausgabe den alleinigen, unverf\u00e4lschten &#8222;Urzustand&#8220; einer Komposition, mithin den urspr\u00fcnglichen und reinen &#8222;Komponistenwillen&#8220; wiedergibt, basiert auf einer Voraussetzung, die nur in den seltensten F\u00e4llen erf\u00fcllt ist und der sich oft nicht einmal professionelle Musiker bewusst sind: Um einen solchen idealen, eindeutigen &#8222;Urtext&#8220; wiederherzustellen, muss es ihn \u00fcberhaupt geben bzw. gegeben haben. Das ist tats\u00e4chlich nur in den allerwenigstens F\u00e4llen so, denn die meisten Werke durchlaufen von den Anf\u00e4ngen ihrer Entstehung bis zum Erscheinen im Druck, ja nicht selten sogar dar\u00fcber hinaus, einen meist sehr komplexen Prozess der Ver\u00e4nderung, Korrektur, Umarbeitung, allm\u00e4hlichen Verfestigung, an dem neben dem Komponisten auch Kopisten, Herausgeber und Verleger, manchmal auch &#8222;Freunde&#8220; in der ein oder anderen Form beteiligt sind. Scheinbar &#8222;urspr\u00fcngliche&#8220; Autographe sind dabei nur der erste (oder nach vorangegangenen Skzzen, Entw\u00fcrfen usw. auch zweite, dritte oder vierte) Schritt der Entstehung. Urtextausgaben, die allein darauf basieren, widersprechen also m\u00f6glichweise dem &#8222;Komponistenwillen&#8220;, weil sie anschlie\u00dfende Ausarbeitungen unber\u00fccksichtigt lassen. Umgekehrt k\u00f6nnen aber auch Erstdrucke als vermeintlich letztg\u00fcltige Willensbekundungen des Komponisten in die Irre f\u00fchren, weil oft nicht mit Sicherheit festzustellen ist, ob Differenzen zu vorangegangenen Autographen, Reinschriften oder Stichvorlagen auf Fehlern, nachtr\u00e4glichen Korrekturen durch den Komponisten oder Eingriffen durch den Herausgeber bzw. Verleger beruhen. Hinzu kommen weitere Probleme: Ein Werk kann zu Lebzeiten des Komponisten bei mehreren Verlagen oder in verschiedenen Auflagen erscheinen &#8211; die sich oft mehr oder weniger von einander unterscheiden. Welches ist dann der &#8222;Komponistenwille&#8220;? Manche Komponisten &#8211; z.B. Johannes Brahms &#8211; vermerken au\u00dferdem in bereits gedruckten Ausgaben aus ihrem Privatbesitz (bei Brahms die sogenannten &#8222;Handexemplare&#8220;) noch Korrekturen und \u00c4nderungen. Sind das dann nach den &#8222;letztg\u00fcltigen&#8220; Drucken die &#8222;allerletztg\u00fcltigen&#8220; Willensbekundungen, die in zuk\u00fcnftige Drucke \u00fcbernommen werden sollen, oder sind es nur quasi private Gedanken, \u00dcberlegungen, wie es <em>auch<\/em> sein k\u00f6nnte bzw. h\u00e4tte sein k\u00f6nnen? Wie sieht es au\u00dferdem mit Sekund\u00e4rquellen wie z.B. Briefen aus, in denen sich Komponisten r\u00fcckblickend \u00fcber ihre Werke \u00e4u\u00dfern? Soll man Brahms&#8216; gelegentliche Metronomzahlen aus den Autographen bzw. Erstdrucken wieder streichen, weil sie ihm nach eigenem sp\u00e4teren Bekunden &#8222;von guten Freunden aufgeschw\u00e4tzt&#8220; wurden und er sie selbst f\u00fcr so widerruflich hielt, dass er sie seinem Freund Alvin von Beckerath spa\u00dfeshalber nur im Abonnement anbieten wollte, denn &#8222;l\u00e4nger [\u2026] wie eine Woche k\u00f6nnen sie nicht gelten bei normalen Menschen&#8220;? Das alles sind Fragen, denen ein Herausgeber sich stellen muss und auf die es grunds\u00e4tzlich verschiedene Antworten geben kann. Es ist daher kein Wunder, dass sich auch auf denselben Quellen basierende Ausgaben mehr oder weniger voneinander unterscheiden, obwohl das Etikett &#8222;Urtext&#8220; etwas anderes suggeriert. An die Stelle von willk\u00fcrlichen \u00c4nderungen und Hinzuf\u00fcgungen der Herausgeber der alten &#8222;instruktiven&#8220; Ausgaben treten also bei Urtextausgaben Herausgeber<em>entscheidungen<\/em>, die zwar nicht willk\u00fcrlich aber doch prinzipiell subjektiv sind. &#8222;Urtext&#8220; bedeutet im modernen Sinn deshalb nicht die Wiederherstellung eines alleinigen, unverr\u00fcckbaren und unverf\u00e4lschten Originalzustands (den es aus den genannten Gr\u00fcnden in den allermeisten F\u00e4llen nicht gibt bzw. nie gegeben hat), sondern die minuti\u00f6se Dokumentation der Differenzen zwischen den Quellen und die plausible Begr\u00fcndung f\u00fcr die jeweils f\u00fcr den Notentext ausgew\u00e4hlte Lesart. <br><\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Die Verwendung von Urtextausgaben<\/h4>\n\n\n\n<p>Was folgt aus dem Gesagten f\u00fcr die Musizierpraxis? An erster Stelle die Empfehlung, neben den Notentexten auch die Kritischen Berichte, in denen die verwendeten Quellen benannt, beschrieben und bewertet sowie ihre Differenzen untereinander dokumentiert und Herausgeberentscheidungen begr\u00fcndet sind, zu lesen und zu studieren. Erst dadurch wird der Interpret in die Lage versetzt, auch eigene, abweichende Lesart-Entscheidungen zu treffen, die nicht weniger plausibel sein m\u00fcssen als die des Herausgebers. Bei der Kaufentscheidung zwischen verschiedenen Urtextausgaben desselben Werkes sollte also neben den \u00fcblichen Kriterien wie gute Lesbarkeit, praktische Wendestellen usw. auch die Sorgfalt und Genauigkeit der Quellendokumentation und die Plausibilit\u00e4t der Herausgeberentscheidungen eine Rolle spielen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Begriff &#8222;Urtext&#8220; suggeriert Urspr\u00fcngliches, Unverf\u00e4lschtes, Authentisches. 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