{"id":112,"date":"2017-05-03T18:01:09","date_gmt":"2017-05-03T18:01:09","guid":{"rendered":"http:\/\/christiankoehn.de\/?p=112"},"modified":"2017-05-04T18:13:49","modified_gmt":"2017-05-04T18:13:49","slug":"martin-stephani-eine-deutsche-musikerbiographie-im-20-jhdt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christiankoehn.de\/?p=112","title":{"rendered":"Martin Stephani, eine deutsche Musikerbiographie im 20. Jhdt."},"content":{"rendered":"<p>Wie geht man mit der Biographie eines hoch verehrten K\u00fcnstlers, Lehrers und Hochschulrektors um,\u00a0dessen Musikerkarriere in der Waffen-SS und im SS-F\u00fchrungshauptamt begann? Dar\u00fcber wurde in den vergangenen eineinhalb Jahren an der Musikhochschule Detmold heftig gestritten.\u00a0<!--more--><\/p>\n<p>Der Wikipediaeintrag vom\u00a025. Juli 2015 des 1915 in Eisleben geborenen Dirigenten und Hochschulrektors Martin Stephani beginnt wie folgt:<\/p>\n<blockquote><p>Stephani studierte in Berlin bei Walther Gmeindl, Fritz Stein und Kurt Thomas. 1948 kam er nach Marburg, wo er ein Studio f\u00fcr Neue Musik gr\u00fcndete. 1951 wurde er Dirigent der Konzertgesellschaft von Wuppertal. 1955 wurde er Leiter des Bergischen Landeskonservatoriums.<\/p>\n<p>1957 erfolgte die Berufung zum Dirigierlehrer an der Nordwestdeutschen Musikakademie (heute: \u201eHochschule f\u00fcr Musik Detmold\u201c) in Detmold. 1959 wurde er Generalmusikdirektor der Stadt Wuppertal (Vorg\u00e4nger: Hans Weisbach). Au\u00dferdem beerbte er in diesem Jahr Wilhelm Mahler in dessen Funktion als Direktor der Akademie. In dieser Funktion verblieb er bis 1982.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die\u00a0Biographie beginnt also im Jahr 1948, als Stephani 33 Jahre alt wurde, zeigt aber eine auff\u00e4llige L\u00fccke f\u00fcr die Jahre davor. Diese L\u00fccke wurde auch an der Hochschule f\u00fcr Musik Detmold, wo Stephani unter ehemaligen Studierenden und Kollegen bis heute in einem geradezu legend\u00e4ren Ruf steht, \u00fcber Jahrzehnte sorgf\u00e4ltig gepflegt. Ich bin, zun\u00e4chst als Student, sp\u00e4ter als Lehrbeauftragter und schlie\u00dflich seit 2005 als festangestellte Lehrkraft der Hochschule seit 35 Jahren eng verbunden, habe in dieser Zeit unendlich viele bewundernde Anekdoten \u00fcber den Altrektor geh\u00f6rt, ohne je auch nur eine Silbe \u00fcber seinen Werdegang vor 1945 erfahren zu haben. Das \u00e4nderte sich erst am 23. Oktober 2015, als der seit einem Jahr amtierende Rektor Prof. Dr. Thomas Grosse in seiner \u00f6ffentlichen Ansprache zur feierlichen Studienjahreser\u00f6ffnung auf den bevorstehenden 100. Geburtstag Stephanis einging, dabei zwar dessen Verdienste um die Hochschule ausdr\u00fccklich w\u00fcrdigte, aber &#8211; zum l\u00e4hmenden Entsetzen eines guten Teils des Publikums\u00a0&#8211; auch seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS und der Leibstandarte Adolf Hitler thematisierte. Dr. Grosse begr\u00fcndete damit die Entscheidung des Rektorates, auf ein Gedenkkonzert \u00a0f\u00fcr Stephani zu verzichten und statt dessen den Bielefelder Historiker Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung von Stephanis Rolle im Dritten Reich zu beauftragen. Die emp\u00f6rten Reaktionen von Alt-Mitgliedern der Hochschule lie\u00dfen nicht lange auf sich warten: Bereits wenige Tage nach der Studienjahreser\u00f6ffnung kam es zum Bruch zwischen mir und dem Vorsitzenden des <a href=\"http:\/\/www.alumni-detmold.de\">Alumni-Vereins<\/a> der Hochschule, aus dessen Vorstand ich in der Folge zur\u00fccktrat. W\u00e4hrend die regionale und \u00fcberregionale Presse sowie der WDR positiv \u00fcber die Angelegenheit berichteten und auch der Senat der Hochschule das\u00a0Vorgehen des Rektorates einstimmig bef\u00fcrwortete, brachten am\u00a015.11.\u00a0\u00a0f\u00fcnf emeritierte Professoren, darunter zwei ehemalige Rektoren der Hochschule in der <a href=\"http:\/\/www.lz.de\/lippe\/kultur\/20624825_Ehemalige-Professoren-gegen-Aufarbeitung-der-Causa-Stephani.html\">Lippischen Landeszeitung<\/a> ihren Protest gegen die angek\u00fcndigte Untersuchung\u00a0zum Ausdruck. Die vorgebrachten Argumente klangen jenseits des konkreten Falles vertraut: Stephani sei im Entnazifizierungsverfahren 1948 entlastet worden, zu demselben Ergebnis sei 2006 in einem Beitrag f\u00fcr ein Jahrbuch zur Geschichte der Stadt Marburg Helga Bernsdorff gekommen, die ihre Untersuchung mit der angeblich &#8222;erwiesenen&#8220; Behauptung kr\u00f6nte,\u00a0dass &#8222;Stephani keine Nazigesinnung hatte, noch weniger Handlungen in diesem Sinne begangen hat&#8220;. Eine erneute wissenschaftliche Untersuchung von dessen Vergangenheit sei folglich \u00fcberfl\u00fcssig und schade dem Ruf Stephanis sowie der Hochschule. Niemand von den f\u00fcnf emeritierten Professoren oder der zahlreichen ehemaligen Studierenden aus der Zeit von Stephanis Rektorat, die sich in der Folge in Leserbriefen, emp\u00f6rten Mails usw. diesen Argumenten anschlossen, kam offenbar auf die Idee, dass angesichts einer De-facto-Freispruchrate von fast 99 Prozent\u00a0mit den Entscheidungen der Spruchkammern zur Entnazifizierung vielleicht doch nicht immer die ganze historische Wahrheit bekannt wurde, oder dass der Ruf der Hochschule (die Studierende aus \u00fcber 40 L\u00e4ndern hat, darunter auch aus Israel) m\u00f6glicherweise gerade dann leiden k\u00f6nnte, wenn sie ihren Altrektor mit Nazi-Vergangenheit weiterhin auf seine Nachkriegs-Karriere reduzierte\u00a0und ihn mit einem Gedenkkonzert zu seinem 100. Geburtstag feierte.<\/p>\n<p>War Stephani tats\u00e4chlich ein &#8222;unpolitischer&#8220; Musiker, ohne innere N\u00e4he zum Nazi-Regime, der &#8211; so seine sp\u00e4tere Behauptung &#8211; auch im SS-F\u00fchrungshauptamt &#8222;rein k\u00fcnstlerisch&#8220; gearbeitet hat? Nach einem guten Jahr, in dem er unter anderem Quellen aus dem Bundesarchiv in Berlin und Koblenz, den Archiven der Universit\u00e4t der K\u00fcnste Berlin, dem Hessischen Staatsarchiv, dem Stadt- und Universit\u00e4tsarchiv Marburg, weitere Dokumente aus Privatbesitz sowie Zeitzeugeninterviews auswertete, legte Prof. Schmuhl seinen vorl\u00e4ufigen Bericht vor und kam zu eindeutigen Ergebnissen, die der Senat der Hochschule in seiner <a href=\"http:\/\/www.hfm-detmold.de\/fileadmin\/lia_hfm_2014\/pool\/images\/Stellungnahme_Senat_20161214.pdf\">Pressemitteilung vom 14.12.2016 <\/a>wie folgt zusammenfasste:<\/p>\n<blockquote><p>Aus [Prof. Schmuhls vorl\u00e4ufigem Bericht] geht hervor, dass die Versetzung Stephanis von der Wehrmacht zur Leibstandarte Adolf Hitler der Waffen-SS im Mai 1941 auf Initiative des Kommandeurs der Leibstandarte, SS-Obergruppenf\u00fchrer Sepp Dietrich, erfolgte. Stephani f\u00fcgte sich dem nur widerstrebend. Willkommen war ihm dagegen die M\u00f6glichkeit eines Wechsels in das Musikreferat im SS F\u00fchrungshauptamt. Er verzichtete auf den schlie\u00dflich doch noch m\u00f6glich gewordenen Arbeitsurlaub in Olm\u00fctz, wo man ihm die Stelle eines St\u00e4dtischen Musikdirektors in Aussicht gestellt hatte. Stephani war bis zum Ende des Krieges, zuletzt im Rang eines SS-Obersturmf\u00fchrers, als Musikreferent der Waffen-SS im SS-F\u00fchrungshauptamt t\u00e4tig. Der privaten Korrespondenz aus dieser Zeit ist zu entnehmen, dass Stephani sich mit den Herrschaftszielen des nationalsozialistischen Deutschlands identifizierte und seine k\u00fcnstlerische T\u00e4tigkeit mit dem Symphonieorchester der Waffen-SS als Beitrag zur Erziehung zu einer \u201ewahrhaft nationalsozialistischen Weltanschauung\u201c verstand.<\/p><\/blockquote>\n<p>Vor allem die pers\u00f6nlichen Zeugnisse, die Prof. Schmuhl aufsp\u00fcrte, Briefe Stephanis an seine Eltern und an seinen Bruder Reinhart aus den Jahren 1940 bis 1944, waren aufschlussreich, weil er sich da nicht nach au\u00dfen darstellte sondern seine politischen Anschauungen privat \u00e4u\u00dferte. So feierte er z.B. den\u00a0deutschen \u00dcberfall auf die Sowjetunion wenige Tage nach dessen Beginn als &#8222;wohl die genialste Tat des F\u00fchrers seit Kriegsbeginn&#8220; und unterst\u00fctzte ausdr\u00fccklich den Kampf gegen das &#8222;Gift&#8220; des Judentums, welches das Ziel habe, &#8222;die Welt zu knechten&#8220;. \u00a0Seine\u00a0Siegesgewissheit und Loyalit\u00e4t gegen\u00fcber dem NS-Staat und der Waffen-SS behielt er bis in die Schlussphase des zweiten Weltkriegs bei.<\/p>\n<p>Den Umfang seiner T\u00e4tigkeit als Leiter des SS-Sinfonieorchesters stellte er nach dem Krieg \u00fcbertrieben dar, um (<a href=\"http:\/\/www.lz.de\/lippe\/kultur\/21536407_Wie-die-Musikhochschule-die-NS-Vergangenheit-des-Ex-Rektors-aufbereitet.html\">wie Prof. Schmuhl vermutet<\/a>)\u00a0zu belegen, dass er ja nur Musik gemacht habe. Davon kann indessen keine Rede sein:\u00a0Seine Abteilung im\u00a0Musikreferat des\u00a0SS-F\u00fchrungshauptamtes ver\u00f6ffentlichte\u00a01942 eine Auflistung verbotener, unerw\u00fcnschter und empfohlener Musik, die nach den Untersuchungen von Prof. Schmuhl mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit auf ihn zur\u00fcckgeht. In der Definition verbotener, also j\u00fcdischer Musik ging diese Liste teilweise noch \u00fcber das ber\u00fcchtigte &#8222;Lexikon der Juden in der Musik&#8220; hinaus, dessen Verwendung ansonsten ausdr\u00fccklich angemahnt wurde. Auch Stephanis sp\u00e4tere Behauptungen, er habe sich f\u00fcr verfemte Komponisten eingesetzt, weist Prof. Schmuhl zur\u00fcck:\u00a0So wurden z.B. Auff\u00fchrungen von Werken Paul Hindemiths keineswegs von allen Parteistellen abgelehnt und sind deshalb auch kein Beleg f\u00fcr eine angebliche Widerstandshaltung\u00a0gegen\u00fcber &#8222;der&#8220; nationalsozialistischen Kulturpolitik. Schlie\u00dflich l\u00e4sst Prof. Schmuhl auch an Helga Bernsdorffs Artikel im Marburger Jahrbuch (s.o.) kein gutes Haar: Sie habe als Nicht-Historikerin &#8222;einen typischen Anf\u00e4ngerfehler gemacht&#8220;, indem sie sich ausschlie\u00dflich auf naturgem\u00e4\u00df sch\u00f6ngef\u00e4rbte Quellen aus dem Entnazifizierungsverfahren st\u00fctzte, ohne diese im Kontext mit den Prim\u00e4rquellen zu lesen. Auch weitere problematische Quellen habe sie unkritisch verwendet und sei deshalb &#8222;einer Selbststilisierung Martin Stephanis aufgesessen&#8220;.<\/p>\n<p>Der endg\u00fcltige Abschlussbericht von Prof. Schmuhls verdienstvoller Untersuchung wird\u00a02017 im Rahmen der von Prof. Dr. Rebecca Grotjahn herausgegebenen Schriftenreihe \u201eBeitr\u00e4ge zur Kulturgeschichte\u201c im Allitera-Verlag in Form einer Monographie vorgelegt werden. Hier soll im Detail die Biographie Stephanis vor und nach 1945, insbesondere auch seine Berufung als Direktor an die heutige Hochschule f\u00fcr Musik Detmold, dargestellt werden.<\/p>\n<p>Seit der Ver\u00f6ffentlichung der ersten Ergebnisse ist es in Detmold um die ganze Angelegenheit merkw\u00fcrdig still geworden: Innerhalb der Hochschule gibt es kaum einen Zweifel, dass die Untersuchung notwendig, richtig und l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig war, \u00f6ffentliche Proteste hat es seither quasi nicht mehr gegeben. Mindestens einer der f\u00fcnf emeritierten Professoren (Prof. Schnurr), die sich noch im November 2015 \u00f6ffentlich gegen eine &#8222;erneute&#8220; Aufarbeitung emp\u00f6rten, hat inzwischen seine Haltung \u00fcberdacht und korrigiert, was ihm meines Erachtens hoch anzurechnen ist.<\/p>\n<p>Martin Stephani war in den 23 Jahren seines Detmolder Rektorats zweifellos eine herausragende Pers\u00f6nlichkeit, unter dessen Initiative und Verantwortung viele Weichen gestellt wurden, die die Hochschule zu einem der f\u00fchrenden musikalischen Ausbildungsinstitute Deutschlands und Europas gemacht haben. Mehr als 33 Jahre nach seinem Tod ist nun aber endlich auch ein von Fakten statt Mutma\u00dfungen, Spekulationen und Idealisierungen gepr\u00e4gter Blick m\u00f6glich auf seine T\u00e4tigkeit im Dritten Reich, mit dessen Herrschaftszielen er zweifellos \u00fcbereinstimmte und in deren Dienst er sein musikalisches und musikpolitisches Wirken stellte, sowie auf seine Bem\u00fchungen, seine Vergangenheit\u00a0nach dem Krieg zurechtzubiegen. Er selbst verstand sich bis 1945 ausdr\u00fccklich als Musiker &#8222;betont politischer Haltung&#8220;, der Lebensraum- und Vernichtungskrieg war ihm ein &#8222;heiliger Krieg&#8220;,\u00a0dessen angeblich g\u00f6ttliche Berechtigung\u00a0durch die Musik Ausdruck erfahren kann. Man muss es so deutlich sagen: Alle seine sp\u00e4teren Beteuerungen, er habe &#8222;nur k\u00fcnstlerisch&#8220; gewirkt, sind damit als Legende entlarvt.<\/p>\n<p>Der Senat der Hochschule beschlie\u00dft seine Stellungnahme zu Prof. Schmuhls vorl\u00e4ufigem Bericht mit den Worten:<\/p>\n<blockquote><p>Der Senat erkennt die gro\u00dfen Verdienste Prof. Stephanis f\u00fcr die Hochschule und die bis heute andauernde Bedeutung seines Wirkens an. Der Senat sieht jedoch kritisch, wie Ideologien und Weltanschauungen \u2013 auch und gerade im Hinblick auf kulturelles Denken und Handeln \u2013 auf Lebensentw\u00fcrfe Einfluss nehmen k\u00f6nnen. Die Causa Martin Stephani zeigt erneut, dass Musik nicht unabh\u00e4ngig von Gesellschaft und Politik besteht. Die Hochschule f\u00fcr Musik Detmold stellt sich der Verantwortung, diesem Aspekt der Kunstaus\u00fcbung gerecht zu werden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Buchempfehlungen zum Thema:<\/p>\n<p>[amazon_link asins=&#8217;3596308496,3205782925,3205786165,3548330320,3940768529,3894793317,3596305756&#8242; template=&#8217;ProductCarousel&#8216; store=&#8217;chriskoehn-21&#8242; marketplace=&#8217;DE&#8216; link_id=&#8217;e18540a4-309b-11e7-a3b3-d7f722b8f494&#8242;]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie geht man mit der Biographie eines hoch verehrten K\u00fcnstlers, Lehrers und Hochschulrektors um,\u00a0dessen Musikerkarriere in der Waffen-SS und im SS-F\u00fchrungshauptamt begann? 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