Franz Xaver Ohnesorg vergreift sich im Ton

Im vergangenen Frühjahr musste Maurizio Pollini seinen geplanten Klavierabend beim Klavierfestival Ruhr leider krankheitsbedingt verschieben, den vorgesehenen Nachholtermin am 3. September hat er vor wenigen Tagen auf ärztlichen Rat dann ebenfalls abgesagt, an seiner Stelle konnte Igor Levit verpflichtet werden. Intendant Franz Xaver Ohnesorg informierte darüber die Karteninhaber und Adressaten des Festival-Newsletters:

Aufgrund eines leichteren Unfalls sah sich Maurizio Pollini gezwungen, sein inzwischen auf den 3. September 2018 verlegtes Konzert in der Historischen Stadthalle Wuppertal abzusagen. Ursprünglich war Pollinis Auftritt beim Klavier-Festival Ruhr 2018 bereits für den 30. Mai 2018 geplant. Intendant Franz Xaver Ohnesorg hierzu: „Nach drei vergeblichen Anläufen müssen wir einsehen, dass wir für ein Konzert mit dem inzwischen 77-jährigen Maestro Maurizio Pollini zur Zeit keine realistische Chance haben, da ihm sein Arzt erneut eine 15-tägige Ruhepause verordnet hat.“

Ohnesorg lässt in seinem Ärger über die Absage sogar die simpelsten Höflichkeitsregeln außer Acht, indem er darauf verzichtet, dem erkrankten Pianisten zum Beispiel gute Besserung zu wünschen. Dafür schreibt er verharmlosend von einem “leichteren” Unfall, aufgrund dessen sich Pollini zu einer Absage “gezwungen sah” (soll offenbar heißen: Es war eigentlich kein Unfall, und Pollini war auch zu nichts gezwungen). Kein Wort des Bedauerns oder Mitleids kommt ihm in die Tastatur, die Lebensleistung dieses großen Musikers und Pianisten, der mit unfassbarer Konstanz seit 60 Jahren in der absoluten Weltspitze spielt, ist ihm keinerlei Erwähnung wert. Statt dessen thematisiert er das “inzwischen” erreichte Alter des Pianisten und spekuliert in aller Öffentlichkeit über dessen zukünftig vermeintlich zu erwartenden Gesundheitszustand (den Ohnesorg offenbar besser kennt als Pollinis Arzt, der lediglich zu einer Pause von zwei Wochen geraten hat). Nach der anscheinend getroffenen Entscheidung, Pollini aufgrund seines Alters (welches übrigens nicht 77 sondern 76 Jahre beträgt; die Mühe des Nachschlagens war wohl zu viel) nicht mehr zu engagieren, ist die Formulierung, dies gelte “zur Zeit” blanker Zynismus. Ohnesorg, der übrigens selbst “zur Zeit” im achten Lebensjahrzehnt steht, kanzelt hier öffentlich einen der größten Musiker unserer Zeit ab wie einen Schuljungen, der unerlaubt den Unterricht geschwänzt hat. Die Hoffnung ist leider gering, dass er das tun wird, was er tun sollte: sich schämen.

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