Charles Villiers Stanford (1852-1924)

Charles Villiers Stanford wurde als Sohn eines wohlhabenden irischen Anwalts am 30. September 1852 in Dublin geboren. Seine Familie war ausgesprochen musikalisch: Der Vater betätigte sich als Sänger, die Mutter als Pianistin. In diesem Umfeld wurde Stanfords außergewöhnliches Talent schnell erkannt und gefördert. Als Kind lernte er Klavier und Orgel bei bekannten Lehrern in Dublin, und bei einer Reise der Familie nach London im Jahr 1864 knüpfte Stanford bereits Kontakte zu dortigen Komponisten und Musikern, wie z.B. zu Sir Arthur Sullivan.

Stanford studierte seit 1862 in London bei Ernst Pauer und Arthur O’Leary, seit 1870 am Queens’ College in Cambridge, von 1874 bis 1876 bei Carl Reinecke in Hamburg und Friedrich Kiel in Berlin. Seit Gründung des Royal College of Music in London 1883 lehrte er dort bis zu seinem Tode Komposition. 1887 wurde er außerdem Professor für Musik an der Universität Cambridge. Von 1885 bis 1902 leitete er den London Bach Choir, und von 1901 bis 1910 das Leeds Triennal Festival.

Gemeinsam mit Hubert Parry und Edward Elgar trug Stanford gegen Ende des 19. Jahrhunderts wesentlich zur Erneuerung der englischen Musik bei. Stanford galt dabei als strenger Lehrer, der gegenüber seinen Studenten unnachgiebig auf Einhaltung kompositorischer Standards pochte und jede Schlamperei mit einem kurzen „All rot, m’boy“ („Alles Krampf, mein Junge“) zu quittieren pflegte (Michael Kennedy, The Works of Ralph Vaughan Williams). Sein explosives Temperament brachte ihn auch immer wieder in Konflikt mit der Verwaltung der Universität, und auch einige seiner Schüler distanzierten sich später von ihm.

Eine ganze Komponistengeneration, unter anderem Gustav Holst und Ralph Vaughan Williams wurde durch ihn entscheidend beeinflusst. Zu seinen Schülern zählten desweiteren: Sir Arthur Bliss, Herbert Howells, John Ireland, Sir George Dyson, Ernest John Moeran, Rebecca Clarke und der Dirigent Sir Eugène Goossens.

Obwohl sein eigenes kompositorisches Schaffen sehr umfangreich ist, werden heutzutage nur noch wenige seiner Werke aufgeführt. Seine über 30 Chorwerke jedoch, darunter das prachtvolle Requiem op. 63, erfreuen sich nach wie vor einer gewissen Beliebtheit. In ihrer Zeit äußerst populär waren Stanfords „Seestücke“ – die Ballade „The Revenge – A Ballad of the Fleet“ op. 24 nach Alfred Lord Tennyson, und die Vokalzyklen „Songs of the Sea“ op. 91 bzw. „Songs of the Fleet“ op. 117.

Manche seiner Kompositionen zeigen starke Anklänge an die Musik von Johannes Brahms, gelegentlich auch an diejenige von Anton Bruckner. Gleichzeitig war er ein Pionier in der direkten Verwendung irischer Volkslieder in seinen sechs Irischen Rhapsodien und der 3. Sinfonie, die auch den Untertitel „Irish“ trägt. Hierdurch, wie auch in seiner aktiven Förderung der nachfolgenden Generation (auch als Dirigent und Administrator), ebnete er den Weg für die sogenannte „English Musical Renaissance“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts, deren Haupt Ralph Vaughan Williams und Edward Elgar waren.

Stanford schrieb relativ viel Klaviermusik, zumeist kleinteilige Werke für den Hausgebrauch, und weniger groß angelegte Werke wie z.B. Klaviersonaten. Demzufolge stellen diese Stücke keine besonders hohen Anforderungen an einen Pianisten, was möglicherweise ein Grund für die Seltenheit ihrer Aufführungen sein könnte. In seiner Klaviermusik pflegte er einen eher konservativen Stil, der an Mendelssohn und Schumann orientiert ist und über den mittleren Brahms nicht hinausgeht.

Werke für Klavier solo:

Suite op.2 (1875); Toccata C-Dur op. 3 (1875), Sonate Des-Dur op. 20 (1884), 6 Konzertstücke op.42 (1887) [nur 3 erhalten, der Rest ist verschollen], 10 Tänze „Old and New” op. 58 (1894); 4 irische Tänze op. 89 (1903); 6 Charakterstücke op.132 (1875); 5 Capriccios op. 136 (1913); Nachtgedanken op.148 (1917); Ballettszenen op.150 (1917); 48 Preludes in all the Keys: 1-24 op. 163 (1919) und 25-48 op.179 (1921); Ballade g-Moll op. 170 (1919); 3 Walzer a-Moll, d-moIl und F-Dur op. 178 (1923); 3 Nocturnes op.184 (1921) [nur 2 erhalten, eines ist verschollen]; Dreistimmige Fuge c-Moll o.op. (1922); Vierstimmige Fuge h-Moll; 12 Irish Airs (1922); Zwei Novelletten (1874); Fare Well (in Memoriam Lord Kitchener 1916); 6 Song Tunes (1919 oder 1920); A Toy Story (1919 oder 1920); 2 Sonatinen: d-Moll und G-Dur (1922); 6 Skizzen o.op. (1918); 6 Walzer (1876); 12 Skizzen (1918); Three Fancies (1924); Five Irish Folk Tunes, specially arranged (1922); Marsch (1860); Une Fleur de Mai (1864)

Ferner: Serenade für 2 Klaviere  op.17 (1882); 3 Konzerte für Klavier und Orchester: Nr. 1 G-Dur op. 59 (1896), Nr. 2 c-Moll op.126, sowie Nr.3 op. 171 (1919), sowie Konzertvariationen für Klavier und Orchester Über «Down among the dead Men“ op.71 (1898).

Zu Stanfords ambitionierteren Werken gehören wohl die beiden Zyklen von Präludien durch alle Tonarten, wie sie bereits zuvor von Chopin oder Scriabin komponiert worden waren. Auch das Wohltemperierte Klavier von J.S. Bach dürfte bei der Komposition eine Rolle gespielt haben, denn wie viele andere seiner Kollegen auch war Stanford ein großer Bewunderer dieses Meisters. Der erste Zyklus op.163 wurde im September 1918 vollendet, und ist chromatisch aufsteigend jeweils in Dur und Moll geordnet. Der zweite Zyklus op.179 folgt demselben Ordnungsprinzip und wurde im Dezember 1920 vollendet. Die beiden Werke sind mit etwa 50 Minuten gleich lang, so dass ein Präludium im Schnitt 2 Minuten dauert.

Die beiden Zyklen wurden in den Periodika „Magnus Albums“ des Verlages Swan & Co. veröffentlicht, einem Kompendium, in welchem auch andere Zeitgenossen von Stanford kleinere Werke veröffentlicht haben. Leider mussten diese Blätter nach dem ersten Weltkrieg bald wieder eingestellt werden, denn der Publikumsgeschmack hatte sich gewandelt.

Ich beschränke mich bei der Beschreibung auf diejenigen Präludien welche mir bemerkenswert erscheinen.

Präludien op.163

D-Dur ** Ein quirliges Stück mit durchgehender 16tel Bewegung.

d-Moll ** Im Gestus etwas der 3-stimmigen Invention f-Moll von J.S. Bach ähnlich, mit allerdings etwas weniger tragischem Tonfall.

Es-Dur ** Auftrumpfend mit großer Geste. Erinnert etwas an Schumann

es-Moll ** Unter bewegten 16-tel Triolen in der rechten Hand stimmt die linke eine leicht melancholische Melodie an. Sehr reizvoller Gegensatz. Hier hat offenbar Mendelssohn Pate gestanden.

E-Dur ** Eine munter hüpfende Humoreske. Das Thema hätte sich auch gut für eine Fuge geeignet (s. 3-stimmige Invention D-Dur bei Bach).

e-Moll ** Ein hübscher und charmanter Walzer (Tschaikowsky?)

f-Moll ** Ein grimmiger Geschwindmarsch.

Ges-Dur ** Überschrieben „In den Wäldern“ benutzt als „special Effect“ angedeutete Vogelstimmen, und hat ansonsten eine pastorale Grundstimmung.

G-Dur ** Ein munterer Tanz im 2/4 Takt.

g-Moll ** Trauermarsch I

gis-Moll ** Mit hüpfendem Bass, ähnelt dem Capriccio h-Moll op.76,2 von Brahms

A-Dur ** Stanfords Beitrag zur Spezies „Lyrische Stücke“

a-Moll ** Könnte einem Volkstanz nachempfunden sein (s. Stanfords Affinität zu irischer Folklore)

B-Dur ** „Carrillion“ Ein wenig pompös, aber mit aparter Klangwirkung

b-Moll ** Trauermarsch II (in Memoriam M.G. = Michael Gray, dem in den letzten Kriegstagen gefallenen Sohn seines Musiker-Kollegen Alan Gray) Ein bewusster Bezug auf den 1. Weltkrieg, dessen Erlebnis sicher noch in Stanford nachwirkte, als er die Präludien schrieb.

h-Moll ** Rauschende Arpeggien, molto appassionato, mit einer Melodie im Diskant.

Präludien op.179

C-Dur ** Majestätisch mit großem Ton. Anklänge an Edward Elgar

cis-Moll ** Donnernde Oktaven und auch die Klänge oktaviert. Ein ausgesprochen grimmiger Tonfall.

D-Dur ** Wie auch im ersten Zyklus so auch hier mit wenigen Takten Ausnahme durchgehende 16tel Bewegung. Fast ausschließlich Figurenwerk.

es-Moll ** Gesang über wild wogendem Passagenwerk.

E-Dur ** Ein flotter Marsch

e-Moll ** Valse mélancholique

F-Dur ** Weite Aufschwünge über einem Orgelpunkt auf F-

f-Moll ** Lied ohne Worte

Ges-Dur ** Fughetta mit kurzer Einleitung, aber sehr frei gehalten.

fis-Moll ** Lied ohne Worte, Stil „venetianisches Gondellied“

G-Dur ** Beinahe orchestrale Fülle, sehr energisch. Anklänge an Edward Elgar

g-Moll ** Überschrieben „Quasi Recitativo“. Im Stile eines Recitativo accompagnato

Die folgenden 3 Präludien bilden eine „Mini-Suite“

As-Dur ** Eine reizende Gavotte, die barockes Flair heraufbeschwört.

gis-Moll ** Musette zu der vorangegangenen Gavotte (Wiederholung der Gavotte ad libitum)

A-Dur ** Sarabande

a-Moll ** Hier hat offenbar der 4. Satz aus Chopins b-Moll Sonate Pate gestanden. Bewegte 16-tel und ständige Unruhe. Man könnte dieses Präludium mit seinem 6/8 Takt allerdings auch als abschließende Gigue der Suite betrachten.

B-Dur ** Harmonisch sehr reizvolles Präludium mit sehr frischem Impetus.

b-Moll ** Erneut ein Trauermarsch

h-Moll ** Überschrieben „Addio“ (D-Cis-H). Mit diesem Motiv aus den 3 fallenden Tönen wird das gesamte Präludium sehr kunstvoll gestaltet. Die leise Melancholie klingt in versöhnlichem in H-Dur aus.

Es ist übrigens keineswegs sicher dass Stanford alle 24 Präludien in einem Konzert gespielt haben wollte, noch dass er sie jemals komplett in einem Konzert gehört hat, denn es war zu dieser Zeit eher unüblich solche langen Zyklen am Stück zu spielen. Auch beim op.28 von Chopin kam das erst später in Mode.

3 Rhapsodien nach Dante op.92 (1875): 

Francesca a-Moll; Beatrice H-Dur und Capaneo C-Dur

 Die Anregung zur Komposition dieser Rhapsodien stammte von Percy Grainger, der sie dann auch mehrfach öffentlich aufführte. Jede dieser Rhapsodien trägt als Überschrift eine Gestalt aus Dantes „Inferno“, und die Nr. 1 und 3 zusätzlich ein Motto.

Namensgeberin der 1. Rhapsodie ist Francesca da Rimini, die wegen Ehebruchs von ihrem Gatten ermordet und von Dante in der Hölle getroffen wird. Nach einer kurzen Einleitung folgt ein „appassionato“ überschriebener Teil, bei dem die Melodie über wild wogenden Arpeggien der linken Hand gespielt wird. Nach einem ruhigeren Mittelteil folgt dann wieder die anfängliche Stimmung. Wer bei diesem Stück Leidenschaften im Stil von Tschaikowsky erwartet, wird enttäuscht. Es geht hier verhältnismäßig züchtig zu, und von Höllenqualen ist auch wenig zu merken.

Die Musik zu „Beatrice“ steht in H-Dur (b major, wie b für Beatrice), und der 9/8 Takt bezieht sich auf die Zahlensymbolik in der entsprechenden Episode (3-Einigkeit, die „echte“ Beatrice starb mit 24 = 3*8, Beatrice gehört zu 3 heiligen Damen etc.). Der Gestus ist ruhig fließend, mit gelegentlicher Imitation von Glockenklängen. Bei Dante ist Beatrice die Führerin durch das Paradies, und das Symbol für die vollkommene Erlösung.

In der griechischen Mythologie trotzte Capaneus dem Zeus, der ihn von der Invasion Thebens abhalten wollte. Als er dennoch versuchte die Stadt zu erobern tötete Zeus ihn mit einem Blitzschlag. So gelangte er in die Hölle. Die eröffnenden Akkorde haben eine gewisse Ähnlichkeit mit der Rhapsodie op.119,4 Es-Dur von Johannes Brahms, und sollen offenbar die Trotzgebärden darstellen. Allerdings benötigt man zum Ausmalen der Höllenqualen etwas Fantasie. Edward Elgar bemerkte einmal: „Rhapsodise is one thing an English composer cannot do“. Dennoch entwirft Stanford in diesen 3 recht abwechslungsreichen Stücken ein reichhaltiges Tableau an Stimmungen.

Sechs Charakterstücke op.132

  1.  In modo dorico
  2. Romanze B-Dur
  3. Studie
  4. Roundel
  5. Romanze As-Dur
  6. Toccata

Die Charakterstücke wurden 1912 beendet und waren Moritz Rosenthal gewidmet, der sie jedoch niemals aufführte (ein Schicksal das auch Komponisten wie Godowsky oder Albéniz teilten, die Rosenthal ebenfalls Stücke gewidmet hatten). Für einen Virtuosen wie Rosenthal dürften diese eher schlichten und pianistisch anspruchslosen Stücke wohl eher uninteressant gewesen sein, und Stanford wollte ihn ja mit der Widmung auch verleiten sein 2. Klavierkonzert aufzuführen, was jedoch nicht zu Stande kam.

Das einleitende „in modo dorico“, hat Stanford nicht nur für Orgel bearbeitet, sondern auch im Vorspiel seiner Oper „The travelling Companion“ verwendet. Das 4. Stück „Roundel“ ist dem Andenken an Robert Schumann gewidmet, da es am 8.Juni 1911 komponiert wurde. Allerdings wurde Schumann 1810 geboren, so dass Stanford mit seiner Hommage zum 100. Geburtstag 1 Jahr zu spät kam. Das Stück ist in seinem intim lyrischen Charakter den späten Werken von Schumann nachempfunden. Die beiden Romanzen sind typische Vertreter des Typs „Lied ohne Worte“, den Stanford häufig verwendet hat. Die abschließende Toccata ist ein lebendiges Stück in fast durchgängigen Vierteln im sempre staccato, die nur zum Schluss durch ein paar akzentuierte Akkorde gebremst werden.

Fünf Capricen op.136

Trotz der enttäuschenden Erfahrung mit Moritz Rosenthal komponierte Stanford bereits 2 Jahre später seine 5 Capricen op.136. Der Titel ist eigentlich irreführend, denn es handelt sich auch hier eher um Charakterstücke, denn das einzige Stück welches den Titel Capriccio zu Recht trägt ist die Nr.3, welches wiederum (s.o.) an das Capriccio h-Moll op.76,2 von Brahms erinnert. Bei den übrigen Stücken handelt es sich allerdings um pianistisch durchaus ambitionierte Stücke, die jedoch einerseits in Toto für Amateure zu schwer sein dürften, andererseits aber für den Virtuosen wahrscheinlich zu wenig wirkungsvoll sind. Musikalisch gesehen entfaltet Stanford in diesen für seine Verhältnisse eher langen Stücken eine reiche Palette an Stimmungen, so dass man sie durchaus zu seinen besten Klavierwerken zählen darf.

Diskografische Hinweise

Die einzige bisher erschienene Gesamtaufnahme von Stanfords Klavierwerken, einschließlich noch bisher unveröffentlichter und teilweise ergänzter Werke, wurde durch Christopher Howell vorgelegt. Aber die Qualität ist sehr uneinheitlich, und lässt einiges zu wünschen übrig, denn das Spiel klingt nicht selten hölzern und uninspiriert. Außerdem ist die Klangqualität eher bescheiden. Um sich einen umfassenden Überblick zu verschaffen sind die 3 mal 2 CDs allerdings nicht verzichtbar. Die Begleithefte enthalten eine Menge wissenswertes über Stanford und seine Klaviermusik.

Sheva Sh115; 125 und 160

Jüngst ist bei Hyperion eine Auswahl der Präludien aus op.163 und 179 erschienen (Sam Haywood, Hyperion CDA68183). Die Einspielung ist um einiges ansprechender als die von Howell. Es wurden immerhin 38 der 48 Präludien eingespielt, so dass man fast alle hören kann.

Peter Jacobs hat in 2 Folgen die Präludien sowie die Rhapsodien op.92 und die Charakterstücke op.132 eingespielt. Auch diese Einspielungen sind recht gut gelungen. Sie sind aber nur noch gebraucht zu bekommen (z.B. bei amazon.co.uk).

Von den beiden Klavierkonzerten sind diese Aufnahmen zu empfehlen:

Konzert Nr.1:  Piers Lane, Martyn Brabbins, BBC Scottish Symphony Orchestra

“The Romantic Piano Concerto Vol.12, Hyperion CDA66820

Konzert Nr. 2:  Margaret Fingerthut, Vernon Handley, Ulster Orchestra

Chandos CHAN X10116 (+weitere Werke für Orchester und Violinkonzert)

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