Die schlimmsten Publikumssünden im Konzert

Neulich beim Klavierfestival Ruhr: Arkadi Volodos gibt zum Abschluss eines zu recht gefeierten Klavierabends eine letzte Zugabe von geschätzt zweieinhalb Minuten Dauer. Nach wenigen Takten steht eine ältere Dame von ihrem Platz in der ersten Reihe rechts (also nicht nur im Blickfeld sämtlicher Besucher sondern auch genau in der Blickrichtung des Pianisten) auf, steigt bis zur Hälfte des Saales nach oben zum nächsten Ausgang, lässt diesen öffnen (wodurch in den abgedunkelten Saal ein heller Lichtschein strömt) und verlässt das Konzert, dessen reguläres Ende abzuwarten nur wenige Augenblicke gedauert hätte. Es dürfte klar sein, dass ein solches Verhalten sowohl den Pianisten als auch die anderen Zuhörer erheblich in ihrer Konzentration stört und deshalb völlig unangemessen ist. Der Vorgang mag außergewöhnlich sein, einmalig oder unvergleichlich ist er sicherlich nicht. Nachfolgend ein paar Bespiele, alle aus eigener Erfahrung auf und vor der Bühne.

Husten

Alfred Brendel hat den “Hustern von Köln” sogar ein eigenes Gedicht gewidmet und bei seinen Konzerten auch schon mal gedroht “Entweder Sie hören auf zu husten, oder ich höre auf zu spielen”. Anders als z.B. das Niesen oder Gähnen, gehört Husten zu den körperlichen Aktivitäten, die in weiten Grenzen bewusst steuerbar sind. Das nutzen viele Zuhörer, um gezielt die leisesten Stellen oder Generalpausen abzuwarten, offenbar weil sie der Meinung sind, dass da sowieso gerade “nichts los” ist. Ihnen sei versichert: Das Gegenteil ist richtig. Und wenn von 2000 Zuhörern während eines 90minütigen Konzerts jeder auch nur einmal hörbar hustet, kann man im Schnitt keine drei Sekunden hintereinander ungestört hören! Manche Besucher sind immerhin so rücksichtsvoll, Hustenbonbons mitzunehmen – die sie dann oft minutenlang geräuschvoll auspacken. Dabei ist die Sache eigentlich ganz einfach: Es gibt eine Sorte Husten, mit der man auch dann nicht ins Konzert geht, wenn z.B. der Titel “Winterreise” die künstlerische Verarbeitung der Erkältungszeit nahelegen mag. Und es gibt die andere Sorte, die man unterdrücken oder wenigstens durch ein Taschentuch oder notfalls die Ellbogenbeuge dämpfen kann. Wenn gar nichts mehr geht, wartet man bis zum Satzende oder wenigstens zu einer lauten Stelle.

Handys und Smartphones

Wenn das Husten sozusagen der Klassiker unter den Störungen ist, sind Handys oder Smartphones die zeitgenössischen Plagen. Ich habe es tatsächlich erlebt, dass eine Besucherin neben mir in der Berliner Philharmonie noch mit ihrer Familie in Spanien telefonierte (und dabei offenbar der Meinung war, wegen der großen Entfernung entsprechend laut in das Mikrophon brüllen zu müssen), als Christian Thielemann bereits den Auftrittsapplaus entgegennahm (zum Ausgleich schlief sie kurz darauf bei der Missa solemnis ein und schnarchte vernehmlich). Das dürfte tatsächlich eine eher seltene Ausnahme sein, aber allgegenwärtig ist das Bedürfnis, Konzerte bzw. Teile davon zu filmen. Das ist nicht nur illegal sondern auch für Besucher und Musiker (die das weit häufiger mitbekommen, als es möglicherweise den Anschein hat) äußerst störend. Leuchtende Bildschirme und darauf wischende oder tippende Besucher lenken vor allem in abgedunkelter Umgebung ab, von versehentlich nicht abgestellten Klingeltönen ganz zu schweigen. Auch hier ist die Lösung ganz einfach: Ausnahmslos jedes Handy oder Smartphone besitzt einen Ausschaltknopf, im Zweifelsfall hilft ein Blick in die Bedienungsanleitung (keine Angst, man kann es nach dem Konzert wieder einschalten). Wer so wichtig ist, dass er selbst für die Dauer eines Konzertbesuches nicht auf die permanente Erreichbarkeit verzichten kann, soll doch einfach zu Hause bleiben.

Hörgeräte

Wenn wir schon bei der modernen Technik sind: Hörgeräte sind für viele Menschen ein Segen – wenn sie nicht im Konzertsaal Rückkoppelungen erzeugen, die dann durch den ganzen Saal und deutlich hörbar bis zur Bühne schwingen. Arcadi Volodos hat in dem oben erwähnten Konzert das einzig Richtige getan: Er hat aufgehört zu spielen und abgewartet, bis die betreffende Person ihr Gerät aus- bzw. leiser geschaltet hat.

Parfum

Coco Chanels Satz “Eine Frau die kein Parfum trägt, hat keine Zukunft” nehmen manche Konzertbesucherinnen leider zum Anlass, eine solche Menge an Parfum aufzutragen, dass es locker für die Zukunftssicherung der umliegenden zehn Reihen bzw. Plätze reichen dürfte. Da deren Nutzer aber ihre eigene Zukunft in der Regel mit dem gleichen Einsatz sichern, schwebt oft eine diffuse, brechreizerregende Wolke aus diversen Düften durch die Konzertsäle, bei der man sich fast schon wieder wünscht, eine Erkältung samt Hustenreiz zu haben. Ich wage deshalb, auf den großen Cicero (106 – 43 v.Chr.) hinzuweisen, der festgestellt hat: “Die Frau riecht am besten, die nach gar nichts riecht”.

Zu spät kommen, zu früh gehen

Die Anfangszeit eines Konzerts steht in aller Regel sowohl in der Vorankündigung als auch im Programmheft und auf den Eintrittskarten. Es sollte also normalerweise kein Problem sein, auch pünktlich zu kommen. Da es immer zu Unvorhergesehenem z.B. bei der Anfahrt, an der Garderobe oder auf der Toilette kommen kann, empfiehlt sich ein Puffer von mindestens 20 Minuten. Um hier nicht in den Verdacht der Publikumsbeschimpfung zu geraten, sei festgehalten, dass die meisten Besucher es schaffen, pünktlich zum Beginn ihre Plätze einzunehmen. Schwieriger scheint hingegen die Frage zu sein, wann ein Konzert denn eigentlich beendet ist. Jedenfalls setzt fast immer mit dem letzten Ton des offiziellen Programms ein Wettrennen zu den Garderoben ein, offenbar aus Angst, man könne noch mehr Zeit in diesem Gebäude verschwenden als ohnehin schon. Was würden dieselben Besucher denken bzw. sagen, wenn die Musiker auf der Bühne ebenfalls mit ihrem letzten “offiziellen” Ton ihre Arbeit für beendet erklärten und deshalb einfach grußlos und ohne den Applaus entgegenzunehmen die Bühne und das Haus verließen? Die Empörung über eine solche Unhöflichkeit wäre ebenso sicher wie berechtigt. Der Schlussapplaus sowie eventuell anschließende Zugaben gehören zum Konzert! Diese hektischen Wanderungen durch die Reihen, die plötzliche Panik, wenn dann doch noch eine Zugabe folgt, bevor man den rettenden Ausgang erreicht hat usw.: All das lässt sich einfach vermeinden, wenn man bis zum Schluss bleibt. Die Damen und Herren an den Garderoben tun danach ganz sicher ihr Bestes, um alle Besucher möglichst schnell loszuwerden. Und bitte das Handy erst draußen wieder einschalten…

Zum Schluss

…sei versichert, dass es mir nicht darum geht, Besuchern die Freude oder wenn es sein muss auch “den Spaß´” am Konzert zu nehmen, eher im Gegenteil: Möglichst alle sollen diese Erlebnisse haben können, und das setzt nun mal ein gewisses Maß an gegenseitiger Rücksichtnahme voraus. Mancher Leser wird vielleicht überrascht sein, dass ich ein paar Dinge nicht zu den Publikumssünden gerechnet habe: Die früher so wichtige Kleiderfrage ist inzwischen – wie ich finde erfreulicherweise – einer weitgehenden Toleranz gewichen. Wer Freude daran hat, sich schick anzuziehen, ist in aller Regel im selben Maße willkommen wie der, dem das eher lästig oder aus welchen Gründen auch immer nicht möglich ist. Das Applaudieren zwischen den Sätzen mag weitgehend verpönt sein; ich empfinde es fast immer eher als spontanen Ausdruck von Begeisterung bzw. als Abbau einer offenbar geglückt aufgebauten musikalischen Spannung. Und selbst das unerfahrenste Publikum wird nicht nach jedem der 24 Chopin-Préludes applaudieren… Ein Zuhörer Klassischer Musik muss letzten Endes keine Voraussetzungen erfüllen außer einer: Er muss die Bereitschaft haben, zuzuhören und anderen dasselbe zu ermöglichen. Es lohnt sich.

 

 

 

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