Die Lust am Spiel. Arcadi Volodos beim Klavierfestival Ruhr 2018

Als Arcadi Volodos vor gut 20 Jahren seine Weltkarriere mit seinen Debuts in der Londonder Wigmore-Hall, der New Yorker Carnegie-Hall sowie als Solist der Berliner Philharmoniker startete, erregte er vor allem durch die ungeheure, mit scheinbar völliger Mühelosigkeit dargebotene Virtuosität seines Spiels Aufsehen. Seine bei Sony erschienene CD mit Transkriptionen ist ein Zeugnis der herausragenden pianistischen Fähigkeiten des vielleicht größten Klaviervirtuosen der Gegenwart.

Umso bemerkenswerter war seine bereits vor etlichen Jahren getroffene Entscheidung, zukünftig auf virtuoses Repertoire wie Horowitz’ Carmen-Fantasie, Cziffras “Hummelflug”-Version oder seine eigenen, atemberaubenden “Alla-turca”-Variationen fast vollständig zu verzichten und statt dessen Schubert-Sonaten, unbekannte Werke von Frederic Mompou oder späte Brahms-Stücke auf seine Programme zu setzen. Er verzichtete damit nicht nur auf den speziellen, bis dahin schier grenzenlosen Jubel, mit dem das Publikum auf solche pianistischen Großtaten reagierte, sondern zugleich auf einen nicht unerheblichen Teil seiner Karriere: Die Zahl seiner Konzerte ist seither ebenso geschrumpft wie die der Auftrittsländer; in den USA spielt er nach eigener Aussage überhaupt nicht mehr, weil man dort von ihm immer wieder und ausschließlich die alten virtuosen Programme erwartete. In Deutschland ist er zwar immer wieder mal zu hören, aber auch hier ist es offenbar weniger ein “Tourneekalender”, dem er sich aussetzt, als die bewusste Beschränkung auf wenige ausgewählte Orte und Daten.

Eine dieser daher inzwischen recht selten gewordenen Möglichkeiten, ihn zu hören, gab es am vergangenen Montag im Anneliese-Brost-Musikforum in Bochum. Volodos, der wegen eines zunächst gestrichenen und dann umgeleiteten Fluges mit einer Verspätung von rund 20 Minuten begann, spielte ein betont unvirtuoses Programm, mit Robert Schumanns “Papillons” und Brahms acht Klavierstücken op. 76 in der ersten Hälfte sowie Franz Schuberts letzter Klaviersonate in B-Dur nach der Pause. Wahrscheinlich lag es an diesem ganz ohne den alten Budenzauber auskommenden Programm, dass Tickets sogar noch an der Abendkasse erhältlich waren. Im fast vollständig verdunkelten Saal und auf minimal erleuchteter Bühne spielte der Pianist jedes der drei Werke mit einem eigenen musikalischen Tonfall, den er dann mit intuitiver Einfühlung und unfassbarer manueller Sicherheit variierte und gestaltete: Schumanns Nervosität, seine Hin- und Hergerissenheit zwischen den Extremen, die plötzlichen Einfälle, Andeutungen und Abbrüche spielte Volodos mit immer wieder neuen klanglichen Ideen, überraschenden Hervorhebungen und harten Kontrasten.

Bei Brahms klang der Flügel dann dem melancholischen, tiefernsten Charakter der Musik enstprechend dunkler und flächiger. Volodos, der sich in den letzten Jahren intensiv vor allem mit dem Spätwerk des Komponisten beschäftigt hat, versenkte sich ganz in den spezifsch herben, jeden Oberflächenglanz vermeidenden aber zugleich bewegend ausdrucksvollen Tonfall dieser Stücke an der Schwelle zum Spätwerk (aus dem er dann am Ende seines Konzertes zwei Intermezzi aus op. 117 als Zugabe spielte). Die Musik behielt unter seinen Händen ihre Schroffheiten und ihre scheinbare Verschlossenheit, und war doch gerade dadurch von einer beeindruckenden Kraft und schwer erklärlichen Faszination. Dass Volodos immer noch einer der größten Virtuosen der Gegenwart ist, zeigte sich z.B. in der präzisen Raffinesse, mit der er die hingetupften Figuren des zweiten Stücks glasklar und scheinbar völlig unangestrengt abstufte.

Die abschließende Schubert-Sonate wurde zum überwältigenden Höhepunkt dieses beeindruckenden Konzerts. Seine unvergleichliche Sicherheit in allen Nuancen des “Anschlags” – das ohnehin furchtbare Wort verbietet sich bei ihm beinahe – erlaubte ihm ein so noch nie gehörtes Spektrum an leisen, leiseren und leisesten Farben. Mehr als einmal fragte man sich, ob er nicht bereits  zu weit zum Pianissimo gegangen sei, weil ja danach von Schubert noch ein ppp oder ein Diminuendo verlangt würde – welches er dann ohne jede erkennbare Anstrengung und mit absoluter Perfektion bis zur Hörbarkeitsgrenze folgen ließ. Bei all dem meinte man, keine “Interpretation” zu hören sondern sich von dem Pianisten in völliger Gelöstheit durch Schuberts einzigartiges Werk führen zu lassen.

Klavierspiel ist bei Volodos trotz aller künstlerischen Ernsthaftigkeit eben immer auch Spiel. Er selbst hat in einem Interview dazu gesagt:

“Wer beim Klavierspiel nur die Lust der Arbeit in sich spürt, nicht aber die Lust am Spiel, wird niemals ein gutes Ergebnis erzielen.”

Diese künstlerische Grundhaltung überträgt sich bei ihm auf die Hörer, die zwar (von wenigen unverbesserlichen Störern abgesehen) wie gebannt allen Nuancen folgen, die aber zugleich gelöst und entspannt, mit einem Wort: beglückt sind. Der abschließende Applaus war sicher nicht weniger stark als zu seinen Virtuosenzeiten, dürfte aber nach diesem denkwürdigen Abend vor allem Ausdruck der Dankbarkeit für ein unvergessliches künstlerisches Erlebnis gewesen sein.

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