Robert Schumann, Fantasie C-Dur, op. 17

„Durchaus phantastisch und leidenschaftlich vorzutragen“: Diese Anweisung für den ersten Satz könnte als Motto über dem ganzen Werk stehen. Wem diese Leidenschaft gilt, ist nach wenigen Takten zu hören, wenn das raumgreifende dominantische Thema zum ersten Mal deutlich an die berühmte Schlussmelodie aus Beethovens Liederzyklus „An die ferne Geliebte“ anklingt: „Nimm sie hin denn, diese Lieder“. 1835/36 am Beginn von Schumanns jahrelangen Kämpfen um Clara Wieck entstanden, ist die Fantasie vor allem im ersten der drei Sätze durchzogen von innerer Unruhe und plötzlichen Stimmungswechseln, scheint hin- und hergerissen zwischen selbstsicherem Auftrumpfen, zögerndem Suchen, zartestem lyrischen Verweilen und plötzlichem, unruhigen Vorwärtsdrängen. Diese riesige Palette an widersprüchlichen Stimmungen äußert sich in häufigen Tempo- und plötzlichen Dynamikwechseln, in der Abspaltung von kurz aufblitzenden kleinen Motiven und in der sehr häufigen Verwendung synkopierter Rhythmen. Zusammengehalten wird diese „phantastische“ Mischung durch eine an die Sonatenform angelehnte Dreiteiligkeit sowie das immer wieder anklingende Beethoven-Zitat. Dabei scheint die Form vor allem im A-Teil gefährdet zu sein, scheint ihre eigenen Grenzen sprengen zu wollen. Erst ganz am Ende bildet das Zitat einen gelösten, entspannten Schlusspunkt des außerordentlichen Satzes, über den Schumann an Clara Wieck schrieb: „(er) ist wohl mein Passioniertestes, was ich je gemacht – eine tiefe Klage um Dich“.

Der zweite Satz („Mäßig. Durchaus energisch“) setzt der Sprunghaftigkeit des ersten lange, immer wieder zurückgehende und dann neu aufbauende Steigerungen entgegen, die ganz am Schluss in einem in der Klavierliteratur einmaligen Höhepunkt kulminieren. Grob gesagt ist die Spannungskurve des Satzes der des ersten entgegengesetzt: Während jener von der Aufregung zur Ruhe findet, steigert sich dieser vom stabilen Beginn bis zum explosiven Schluss. Zuckende Punktierungen, kurze Melodiefragmente, unaufgelöste Harmonien und heftige Sprünge erzeugen eine nervöse Spannung, die nur im Mittelteil kurz zur Ruhe kommt. Diese Ruhe ist allerdings von vornherein trügerisch – das Thema erscheint um ein Achtel synkopisch verschoben – und wird schon nach wenigen Takten durch die drängenden Punktierungen des A-Teils von dessen Nervosität angesteckt. Am Ende des Satzes explodiert alles in den berühmten (und gefürchteten) Sprüngen, bei denen Schumann vom Spieler höchstes Risiko an der Grenze des Ausführbaren verlangt, was auf den Hörer einer unerhörte, zwingende Wirkung hat.

Der dritte Satz („Langsam getragen“, „Durchweg leise zu halten“) ist wohl einer der schönsten langsamen Sätze der Literatur. In durchgehender Triolenbewegung schwingt er sich zweimal ganz allmählich zu einem choralartigen Thema auf. Die Kämpfe des ersten Satzes klingen nur noch weit entfernt in gelegentlichen hemiolischen oder synkopischen Passagen, die langen Steigerungen des zweiten im zweifachen wellenförmigen Aufbau an. Insgesamt strahlt der Satz große Ruhe und Harmonie aus. Besonders bemerkenswert sind die sehr ausdrucksstarken Rückungen und Trugschlüsse zu terzverwandten Tonarten.

Einspielung mit Christian Köhn
(Tonmeister Piotr Furmancyk):

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.