Johannes Brahms, 2 Rhapsodien op. 79

Die beiden Rhapsodien op. 79 komponierte Johannes Brahms im Frühsommer 1879 in Pörtschach am Wörthersee. Nachdem er zunächst das neue Werk an Theodor Billroth, Clara Schumann sowie die spätere Widmungsträgerin Elisabeth von Herzogenberg geschickt und (noch unter dem Titel „Caprices“ bzw. einfach „Klavierstücke“) in mehreren Konzerten gespielt hatte, schickte er es (zusammen mit der zweiten Serie der Ungarischen Tänze) Ende Mai 1880 an seinen Verleger Fritz Simrock, der es schon sehnsüchtig erwartete und bereits zwei Monate später veröffentlichte. Während Clara Schumann sich zunächst sehr zurückhaltend äußerte („ich glaube, es wird mir damit gehen wie mit den meisten der anderen Klavierstücke [op. 76], die ich […] erst nach und nach liebgewonnen habe“), war Elisabeth von Herzogenberg von Anfang an von dem neuen Werk begeistert und erkannte scharfsinnig den Widerspruch zwischen dem formale Freiheit suggerierenden Titel „Rhapsodien“ und ihrer geschlossenen Form. Sie akzeptierte aber den Namensvorschlag, weil „an diesen Bezeichnungen ja das beinahe charakteristisch [ist], daß sie ihr Charakteristisches in der Anwendung eingebüßt haben, und man sich ihrer daher ohne viel Skrupel so oder so bedienen kann.“
Die Entwicklung der Klavierrhapsodie im 19. Jhdt. ging von den Anfängen bei Václav Jan Křtitel Tomášek und seinem Schüler Jan Václav Voříšek in überwiegend dreiteiliger Liedform zu freien Reihungsformen, vor allem bei Franz Listzts Ungarischen Rhapsodien. Brahms setzte mit seinem op. 79 diese Entwicklung nicht fort sondern knüpfte mit der dreiteiligen Liedform der ersten Rhapsodie an deren Anfänge an bzw. ging mit der Sonatensatz-Form der zweiten sogar dahinter zurück. Das „Rhapsodische“ zeigt sich innerhalb dieses Rahmens allerdings vor allem in harmonischer Hinsicht: Beide Stücke vermeiden über weite Strecken die Tonika, deuten statt dessen (z.B. in Takt 16 der ersten Rhapsodie) die Dominante zur Tonika um, stellen scheinbare harmonische Ruhepunkte sofort wieder in Frage. Dieser scheinbar improvisatorischen Freiheit steht ein dichtes Netz motivisch-thematischer Verknüpfungen gegenüber, wenn z.B. der zentrale übermäßige Abwärts-Dreiklang fis-d-ais zu Beginn der ersten Rhapsodie gleich mit dem verminderten Dreiklang h-gis-eis beantwortet und beides in der Folge vielfach variiert wird. Der Kontrast zwischen schweifender, freier Harmonik und strenger Form sowie dichter motivisch-thematischer Verknüpfung ist charakteristisch für dieses Werk und in Brahms‘ Klavierwerk in dieser Art einzigartig. Beide Rhapsodien wirken fast so, als würden sie gleich mit der Durchführung beginnen. Diese Spannung zwischen Freiheit und Konstruktion stellt auch den Ansatzpunkt für die Interpretation dar: Weder die Beschränkung auf formale Klarheit und logischen inneren Aufbau noch die einseitige Betonung von quasi improvisatorischer Freiheit reicht allein aus, dem Werk gerecht zu werden, sondern Ziel muss die Verbindung dieser Gegensätze zu einem gespannten und spannenden Ganzen sein.

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