Johannes Brahms, Walzer op. 39

Die allererste eigene Komposition, die Johannes Brahms als knapp 16jähriger öffentlich spielte, war eine „Phantasie über einen beliebten Walzer“. Der Komponist hat sie – wie fast alle Jugendwerke – offenbar später vernichtet. Walzeranklänge gibt es von der f-moll-Sonate über das zweite Streichsextett, die Paganini-Variationen bis zur Es-Dur-Klarinettensonate in zahlreichen Brahmsschen Werken, und Brahms‘ Bewunderung für Johann Strauss kannte fast keine Grenzen. Mit den 16 Walzern op. 39 für Klavier zu vier Händen schrieb er 1866 zum ersten Mal einen ganzen Walzer-Zyklus (dem später noch die Liebeslieder op. 52 und die Neuen Liebeslieder op. 65 folgten). Der Widmungsträger Eduard Hanslick erkannte in diesen 16 kleinen Stücken vor allem die Fortsetzung der Traditionslinie Beethoven-Schubert-Strauss und bescheinigte den Stücken durchweg eine „schlichte Unbefangenheit“. In der Tat kann man die Stücke in mancher Hinsicht – z.B. in ihrem zweiteiligen formalen Aufbau, ihrem begrenzten Umfang und ihrem „volkstümlichen“ Tonfall – als Fortsetzung Schubertscher Gebrauchsmusik sehen. Schaut man die Miniaturen allerdings genauer an, kann man sich über Hanslicks Ignoranz nur wundern: Brahms geht in seinem Opus 39 u.a. in Bezug auf Vielfalt der Charaktere, Reichtum des Ausdrucks und Komplexität der Satzstrukturen weit über das Schubertsche Vorbild hinaus. Das zeigt sich z.B. darin, dass nur fünf der sechzehn Walzer die typische „hm-ta-ta-Begleitung“ haben und andere – wie etwa der gleich hemiolisch im Zweiermetrum beginnende sechste – überhaupt nur im zyklischen Zusammenhang als „Walzer“ erkennbar sind. Die Walzer op. 39 stehen in einem typisch Brahmsschen Spannungsverhältnis zwischen Orientierung an der Tradition und deren Hinterfragung und Überschreitung. Beispielhaft zeigt sich diese innere Ambivalenz, wenn man den schwungvoll eröffnenden ersten Walzer mit dem herben letzten vergleicht, der beinahe spröde und in strenger Kontrapunktik auf jeglichen pianistischen Glanz und jede äußere Schlusswirkung verzichtet und dem Gesamtzyklus damit nachträglich einen eigenartig doppelbödigen Charakter verleiht. So wie Brahms unter die Anfangstakte von „An der schönen blauen Donau“ die berühmten Worte schrieb „Leider nicht von mir!“, so distanziert er sich mit diesem einzigartigen Schlussstück kompositorisch von seinem eigenen Werk. Das ist von schmerzlich berührender Intensität.
Brahms hat – auch das sehr ungewöhnlich – von den Walzern op. 39 neben der vierhändigen Orignalfassung gleich zwei vollständige Bearbeitungen für Klavier zu zwei Händen (eine davon erleichtert) veröffentlicht sowie sechs der Walzer zusätzlich pianistisch anspruchsvoll für zwei Klaviere arrangiert. Sogar eine Orchesterfassung wurde kurz mit seinem Verleger diskutiert, kam aber letzten Endes nicht zustande.

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