Johannes Brahms, Balladen op. 10

Die vier Balladen op. 10 aus dem Sommer 1854 stehen in Johannes Brahms’ Gesamtwerk für Klavier in einer besonderen Mittelposition: Einerseits knüpfen sie in ihrer vierteiligen zyklischen Anlage und in dem der ersten Ballade zugrunde liegenden literarischen Motto an die drei früheren Klaviersonaten an (besonders die dritte, ursprünglich “Scherzino”, dann “Intermezzo” betitelte Ballade könnte auch an entsprechender Stelle einer Sonate stehen), andererseits beginnt mit ihnen durch ihre vielfältigen satzübergreifenden motivischen Verknüpfungen, durch die Reduzierung des pianistischen Aufwands bei – vor allem in der ersten Ballade – gleichzeitiger dramatischer Zuspitzung und ihren eher geringen Umfang ein Prozess, der Brahms innerhalb seines Klavierwerkes von den Großformen zu zyklisch vernetzten Kleinformen führte. Die – außer in der zweiten Ballade – stark variierten “Reprisen” kann man als Verbindung zu den Variationszyklen der mittleren Schaffensperiode verstehen.

Der ersten Ballade liegt die schottische “Edward”-Ballade zu Grunde, die Brahms in der Übersetzung von Johann Gottfried Herder kannte. Dessen Buch “Stimmen der Völker” kam nach Aussage des ersten Brahms-Biographen Max Kalbeck “nach 1854 nicht mehr von seinem Tisch”, und noch bis zu dem späten Intermezzo op. 117 Nr. 1 ließ sich Brahms durch diese Sammlung anregen. Der Dialog zwischen Mutter und Sohn ist zunächst silbengetreu vertont: “Dein Schwert, wie ist’s von Blut so rot, Edward, Edward!” “Ich habe geschlagen meinen Geier tot”. Im Folgenden verzichtet Brahms aber auf die textgetreue Notenumsetzung und reduziert den Inhalt der Vorlage auf den dramatischen Kern bis zum Höhepunkt des Vatermord-Geständnisses. Die diesen Höhepunkt vorbereitenden und unterstützenden Triolen klingen in der Reprise bruchstückhaft nach, bis sie schließlich verebben. Das gerade einmal drei Partiturseiten lange Stück ist durch die Reduzierung auf den inhaltlichen Kern der literarischen Vorlage von großer dramatischer Spannung erfüllt.

Die zweite Ballade beginnt nach dem dunklen d-moll-Schluss der ersten mit zwei vorbereitenden, tröstlichen D-Dur-Takten, bevor dann über synkopiertem Bass eine ausdrucksstarke Melodie beginnt und entwickelt wird. Brahms hat hier, wie auch bei den beiden nächsten Balladen, kein literarisches Motto vorangestellt, aber die beiden Einleitungstakte vermitteln zumindest den Eindruck eines instrumentalen Vorspiels, dem dann ein vokaler Teil folgt. Man könnte also von einer “Ballade ohne Worte” sprechen. Der seinerseits dreiteilige Mittelteil ist zunächst vor allem rhythmisch geprägt und nimmt mit seinen auftaktigen Tonwiederholungen Bezug auf den zweiten Teil der “Edward”-Ballade. Der folgende 6/4-Abschnitt wirkt tänzerisch-leicht (“molto staccato e leggiero”) und beruhigt sich zu einem choralartigen Gesang, dem dann wieder der leicht variierte erste Abschnitt des Mittelteils folgt. Die Reprise beginnt in H-Dur und wendet sich dann ab dem 10. Takt über h-moll wieder nach D-Dur zurück. Das Stück vereint somit die Haupttonarten des ganzen Zyklus’.

Die dritte Ballade in h-moll (wie gesagt eigentlich “Intermezzo”) im 6/8-Takt beginnt mit drei kurzen, leeren, auftaktigen Bassquinten auf dem jeweils letzten Taktachtel, denen dann ab dem dritten Takt ein markantes Motiv mit den Zentraltönen cis-d-fis folgt. Diese Intervallfolge aus einer kleinen Sekund mit anschließender Terz bereitet schon das Hauptthema der vierten Ballade vor (die drei Sechzehntel und die anschließende kurze Achtel des Hauptmotivs erinnern außerdem an das frühere Scherzo es-moll, op. 4). Durch Vergrößerung des zweiten Intervalls von der Terz zur Quart bekommt Brahms das Anfangsmotiv des in höchsten Lagen leise akkordisch singenden zweiten Abschnittes. Die rhythmische Vorwegnahme des Basses um ein Achtel bereitet die Reprise vor, die dann aber ebenso logisch wie überraschend nur im Pianissimo steht, so als stünde sie immer noch unter der Wirkung der “sphärischen” Klänge des B-Teils. Dieser “entrückte” Schluss ist einer der beeindruckendsten Einfälle in dem Zyklus.

Die vierte Ballade in H-Dur ist strukturell die einfachste und formal die komplizierteste. Der erste Teil erinnert an Mendelssohns “Lieder ohne Worte”, speziell der Wechsel von h-moll nach H-Dur gleich zu Beginn sowie am Ende auch entfernt an Schubert. Eine einfache, kantable Linie entfaltet sich über gleichmäßig fallenden Begleitachteln. Die Melodie des weiten Teils liegt verborgen in der Mittelstimme und soll laut Vortragsanweisung nicht zu sehr hervorgehoben werden. Die darüber und darunter liegenden Stimmen ergeben durch gleichzeitige Duolen- und Triolenbewegung verbunden mit Pedalspiel einen Klangteppich, der durchgehend im Pianissimo und Piano verbleibt. Die variierte Reprise beginnt wird zunächst von hingetupften Portato-Achteln begleitet, dann von einem choralartigen Abschnitt (der motivisch hauptsächlich auf dem A-Teil basiert) abgelöst. Der Schlussteil nimmt schließlich das Material des zweiten Teils wieder auf und schwebt am Ende lange zwischen h-moll und H-Dur, bevor er schließlich in H-Dur zum Stillstand kommt (dieser Schluss hat Robert Schumann, der die Balladen von Brahms in Endenich erhielt und später auch vorgespielt bekam, besonders beeindruckt).

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