Über die Nummerierung der Schubert-Sinfonien

In der alten Schubert-Gesamtausgabe, zu deren Herausgeber-Gremium auch Johannes Brahms gehörte (über dessen konkreten Beitrag aber nur wenig bekannt ist), wurden die sieben vollendeten Sinfonien in der Reihenfolge ihrer Entstehung nummeriert, von der Ersten aus dem Jahr 1813 bis zur Siebten, der Großen C-Dur-Sinfonie. Als Nr. 8 wurden die zwei aufführungsbereit abgeschlossenen Sätze der “Unvollendeten” gezählt, nicht berücksichtigt wurden hingegen die diversen Fragmente und Entwürfe zu weiteren Sinfonien. Als Otto Erich Deutsch die erste Auflage seines Schubert-Werkverzeichnisses veröffentlichte, stellte er die chronlogisch richtige Reihenfolge wieder her und ordnete der Großen C-Dur-Symphonie die Nr. 9 zu, während die “Unvollendete” 8 behielt. Die quasi frei gewordene Nr. 7 wurde verschiedentlich für das E-Dur Fragment D 729 oder auch für die lange Zeit verloren geglaubte “Gasteiner Sinfonie” verwendet (von der sich dann herausstellte, dass sie mit der Großen C-Dur-Sinfonie identisch ist). Auf diese Weise konnte sowohl die “Unvollendete” ihren traditionellen Platz 8 behalten als auch die Große C-Dur-Sinfonie den ihr gebührenden Rang einer “Neunten” bekommen. In der neuen Ausgabe des Deutsch-Verzeichnisses von 1978 fiel dann ebenso wie in der Zählung der Neuen Schubert-Ausgabe der “Platzhalter” weg, so dass seither die “Unvollendete” als Nr. 7 und die Große C-Dur-Sinfonie als Nr. 8 gezählt werden.

Diese auf den ersten Blick verwirrende zweimalige Neuanordnung der bedeutendsten und am meisten gespielten Schubert-Sinfonien ist natürlich einerseits ärgerlich, weil sie mindestens während einer gewissen Übergangszeit für Verwirrung sorgen kann, war aber andererseits im Sinne der chronologischen Zählung unvermeidbar. Da Schubert seine Sinfonien nicht selbst veröffentlicht hat, bleibt als einzig sinnvoller Maßstab für die Nummerierung die Chronologie der Entstehung. Und es hat einfach keinen Sinn, einen “Platzhalter” für ein Stück beizubehalten, welches nachweislich nie existiert hat bzw. von dem (im Falle des E-Dur-Fragments) nur gut 100 von geplanten 1300 Takten fertig gestellt wurden. Die einzige Frage bleibt, warum die “Unvollendete” mit nur zwei abgeschlossenen Sätzen in den Kreis der viersätzigen Sinfonien aufgenommen wurde, während z.B. das E-Dur-Fragment D 729 nicht mitgezählt wird. Die Herausgeber der Neuen Schubert-Ausgabe geben dafür drei Gründe an: Erstens enthält die “Unvollendete” im Gegensatz zu den Fragmenten und Entwürfen zwei Sätze, die in der von Schubert hinterlassenen Form aufführbar sind.  Mit der Zählung als Sinfonie (statt als Fragment oder Entwurf) folgt man zweitens der Tradition der alten Gesamtausgabe, gegenüber der man nur die falsche Chronologie korrigiert hat. Und drittens beruft man sich in dieser Einschätzung auf die Rezeption des Werkes im Schubert-Kreis: Anselm Hüttenbrenner, in dessen Besitz das Manuskript vor seiner ersten Drucklegung war, hat die vollendeten Sätze stets als “Werk” betrachtet und nicht als Teil eines Fragments.

Eine Antwort auf „Über die Nummerierung der Schubert-Sinfonien“

  1. Die Mär, dass die “Unvollendete” Schuberts “letzte” Sinfonie sei, obwohl die beiden vollendeten Sätze von DV 759 nachgewiesenermaßen Jahre vor der “Großen Sinfonie C-Dur” DV 944 komponiert wurden, hält sich bis heute hartnäckig. Hier ein Zitat aus dem Deutschlandfunk vom 17. Dezember 2015:
    “Ob Franz Schuberts “Unvollendete” wirklich unvollendet war, weiß man bis heute nicht. Jedenfalls war es die Letzte seiner acht Symphonien”
    (Quelle: http://www.deutschlandfunk.de/vor-150-jahren-schuberts-unvollendete-wird-uraufgefuehrt.871.de.html?dram:article_id=339853)

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