Grigory Sokolov, 10.3.2017, Konzerthaus Dortmund

Am 10. März 2017 gastierte Grigory Sokolov wieder im Konzerthaus Dortmund. Diesmal hatte ich eine Karte in der Mitte der zweiten Reihe ergattert, also vielleicht fünf oder sechs Meter vom Klavier entfernt, was vor allem klanglich interessant war: Sokolov ging in vielen Passagen in seinem Piano dynamisch so weit nach unten, dass ich mir von meinem Sitzplatz aus kaum vorstellen konnte, dass diese Töne bis in die hintersten Reihen des doch recht großen Saals tragfähig sein könnten. Aber meine zahlreichen, im ganzen Saal verteilten Kollegen von der Musikhochschule haben nichts dergleichen beklagt sondern waren offenbar genauso fasziniert wie ich. Das Publikum setzte sich wohl überhaupt vorwiegend aus “Sokolov-Kennern” zusammen, was man z.B. daran bemerkte, dass niemand nach dem letzten Ton der “Sonata facile” applaudierte, sondern alle den mit sehr dezenter Körpersprache angedeuteten Wunsch des Künstlers verstanden, die c-moll-Fantasie unmittelbar anzuschließen. Er will offenbar einfach seine Ruhe haben, und die wurde ihm (von ein paar unverbesserlichen Extremhustern und Blitzlichtfotografen abgesehen) auch gewährt.
Die Mozart-Sonate spielte er mit feinst differenzierter Anschlagskultur, luftig leicht im ersten Satz, mit extremer Binnendifferenzierung zwischen den Stimmen und herrlichem Kantabile im zweiten und ganz ungewöhnlich langsamen Tempo und hingetupften Terzen im dritten. Die Wiederholungen versah er mit sparsamen, aber fantasievollen Verzierungen und Varianten, bei einem Übergang sogar mit einem zusätzlich eingefügten Takt (ich meine im zweiten Satz, bin mir aber nicht mehr ganz sicher).
Extrem kontrastreich und ausdrucksvoll dann die c-moll-Fantasie und die unmittelbar anschließende c-moll-Sonate. Erst hier spielte er zum ersten Mal wirklich forte, zeigte in aller Deutlichkeit jedes noch so kleine Detail, modellierte sozusagen jeden Stimmungs- und Charakterwechsel aus den Tasten. Sokolov ist der einzige Pianist, den ich kenne, der in buchstäblich keinem Ton, keinem Klang und keiner Phrase auch nur den kleinsten Zweifel übrig lässt, wie er das ganz persönlich gestalten will. Es gibt in seinem Spiel alles bis auf eins: Neutralität. Wenn er eine Stimme hervorheben bzw. zurücktreten lassen will, tut er beides in der größtmöglichen Klarheit, ebenso bei seinen – teilweise durchaus ungewöhnlichen – Tempi, bei seinem Pedaleinsatz, seinem Rubato oder bei was auch immer. Sein klangliches Spektrum ist das mit Abstand größte, welches ich von irgendeinem Pianisten in den vergangenen 20 Jahren gehört habe: Mittlerweile verwendet er immer häufiger auch so ungewöhnliche (und bei Pianisten eher “verpönte”) Klänge wie kurz und ohne Pedal angeschlagene Forte-Akkorde oder längere una-corda-Passagen. Dadurch, dass sein Spiel nie, in keinem einzigen Moment auch nur die kleinste Unklarheit übrig lässt, ist man als Zuhörer auch nicht mit dem schon Gehörten beschäftigt, sondern erlebt die Musik im wahrsten Sinne des Wortes im unmittelbaren Augenblick ihrer Entstehung. Vielleicht birgt dieses extrem persönlichkeitsstarke “So mache ich das!”, welches sein ganzes Spiel durchzieht und charakterisiert, auch die Gefahr, sich sozusagen vor die Musik zu schieben, so dass man als Zuhörer mehr über ein langsames Tempo, über ungewöhnliche Klänge usw. als über Mozart oder Beethoven staunt. Aber er hat auf der anderen Seite auch eine natürliche und frei atmende Phrasierung, ein wunderbares Kantabile und ein tief empfundenes Rubato, die einen dann wieder alle Kalkulation vergessen lassen. Trotzdem: Sokolov ist definitiv kein “Diener des Komponisten” sondern ein gleichberechtigter Gestalter – und unfassbar meisterlicher Pianist. Ich habe ihn inzwischen mindestens zehn oder zwölfmal gehört und kann mich an kein einziges Konzert erinnern, bei welchem er auch nur eine Winzigkeit unter seinen gewaltigen Möglichkeiten geblieben wäre. Auch das kenne ich sonst von keinem einzigen Musiker weltweit.
Höhepunkt des Konzertes war natürlich Beethovens letzte Klaviersonate c-moll, op. 111 am Schluss des Programms. Den ersten Satz spielte Sokolov mit einer stellenweise fast grimmigen Schroffheit, ganz auf den Kontrast zur folgenden Arietta ausgerichtet. Diese dann wieder sehr langsam, mit leuchtender Oberstimme, espressiv und innig zugleich. Die Variationen baute er in großer Ruhe auf, die dritte nicht als “Boogie-Woogie-Variation” (wie sie Strawinsky verspottet und meines Erachtens dabei völlig missverstanden hat) sondern in ekstatischer rhythmischer und klanglicher Steigerung. Die Auflösung des Klanges in Einfach-, Doppel- und Dreifach-Triller, seine Aushöhlung durch den Abstand zwischen den Extremregistern usw., alles das spielte er mit der größten vorstellbaren Intensität und einer gewaltigen gestalterischen Kraft.
Der bei ihm obligatorische Zugabenblock bestand diesmal überwiegend aus Stücken, die er in seinem letztjährigen Programm hatte: Den Anfang machte Schuberts erstes “Moment Musical” in C-Dur, ihm folgten die beiden Nocturnes op. 32 von Chopin, “L’indiscrète” von Jean-Philippe Rameau (aus den “Pièces de clavecin en concert”), danach die Arabeske C-Dur, op. 18 von Robert Schumann, und zum Schluss (nach drei Stunden!) dann als finsterer Ausklang das c-moll-Prélude aus op. 28 von Chopin.

Wer noch eine Gelegenheit hat, dieses außerordentliche Konzert woanders zu hören, sollte die Chance nicht verpassen. Wenn Sokolov irgendwann nicht mehr spielt, ist meines Erachtens niemand in Sicht, der diese Lücke auch nur einigermaßen ausfüllen könnte.

Eine Auswahl der wichtigsten Aufnahmen mit Grigory Sokolov:

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