Hubert Hastings Parry (1848 – 1918)

von Peter Westendorf

Hubert Parry war eine der Schlüsselfiguren im britischen Musikleben des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, und zwar sowohl als Komponist, Lehrer wie auch als Schriftsteller.

Er stammte aus einer wohlhabenden Familie des englischen Landadels, und wurde auf Schloss Highnam in der Nähe von Gloucester geboren. Er studierte in Eton und Oxford, und musste zunächst auf sanften Druck seines Vaters und seiner Schwiegereltern (er hatte sich 1872 mit Elisabeth Maude Herbert, der Tochter eines Politikers verheiratet), sowie zur Absicherung seines Lebensunterhaltes in London im Versicherungsgewerbe verdingen, bevor erste Erfolge als Musiker es ihm erlaubten sich ausschließlich mit Musik zu befassen. Aber er hatte auch schon während seiner Zeit bei Lloyd’s Stunden bei Edward Dannreuther genommen, der ihn in die Musik Wagners einführte. In dessen Haus wurden auch die meisten frühen Kammermusikwerke von Parry aufgeführt.

Charles Groves, der Gründer des berühmten Musiklexikons, welches 1879 an den Start ging, lud Hubert Parry ein für das umfangreiche Werk Artikel zu verfassen. Diese Arbeit scheint ihm so sehr gefallen zu haben, dass er später mehrere Bücher über Musikgeschichte und Musikästhetik verfasste. Für einen durchschlagenden Erfolg sorgte zum einen die Aufführung seines Klavierkonzertes durch Edward Dannreuther, und die der Kantate „Der entfesselte Prometheus“ im Jahre 1880.

Hubert Parry gehörte 1883 zu den Gründungsmitgliedern des Royal College of Music und war dessen Direktor von 1895 bis zu seinem Tode im Jahre 1918. Von 1900-1908 hatte er gleichzeitig eine Musikprofessur in Oxford inne. So kamen Generationen von Musikern unter den Einfluss seiner warmherzigen und generösen Persönlichkeit. Er war überzeugt, und vermittelte dies auch an seine Studenten, dass der Künstler auch eine moralische Verantwortung gegenüber der Gesellschaft trägt. Das brachte Edward Elgar zu dem Ausspruch „Parry ist das Haupt unserer Zunft in diesem Lande“. 1898 wurde er zum Ritter geschlagen.

Parry’s Musikstil war stark beeinflusst von der Tradition deutscher Musik von Buxtehude bis Brahms. Aber auch Wagner, obwohl in Großbritannien nicht besonders populär, gehörte zu seinen Inspiratoren. Ein beträchtlicher Teil seines Schaffens widmet sich der Chormusik. Sein „Jerusalem“ z.B. ist eine Art Hymne, die bei jedem „Last Night oft the Proms“ Konzert vom gesamten Publikum mitgesungen wird. Er schrieb ebenso 5 Sinfonien, weitere Orchester-werke, Kammermusik, Orgelwerke und Lieder. Darunter 12 Lieferungen englische Lieder, die einen beträchtlichen Beitrag zum englischen Liedrepertoire beisteuern.

Nach seinem Tode war Parry auf Grund von Missdeutungen für lange Zeit in Vergessenheit geraten. Man betrachtete seine Musik als zu konventionell, und ihn als einen viktorianischen Gentleman, obgleich er eher ein für Seine Zeit sanfter Rebell war: er war politisch liberal und Agnostiker. Sein Geistesverwandter und Mitstreiter war Charles Villiers Stanford, mit dem er vieles gemein hat. Aber die neuen Helden auf dem Felde der Musik waren jetzt Elgar und Vaughan Williams.

Durch die Biografie von Jeremy Dibble (nur in englischer Sprache verfügbar) und durch eine Reihe von Tonaufzeichnungen, hat sich das Interesse für Parry wieder etwas verstärkt, aber er ist immer noch sträflich unterrepräsentiert. Der Umfang seiner Klavierwerke ist vergleichsweise bescheiden, aber es gibt eine Reihe recht hörenswerter Stücke darunter. Leider sieht es bei den CD’s wirklich mager aus. Es gibt nur die eine Scheibe mit Peter Jacobs, und die ist auch noch schwer zu erhalten. Ich würde mir eine Aufnahme seiner beiden Klaviersonaten wünschen, ebenso wie die seiner Werke für Klavier zu 4 Händen und 2 Klaviere.

Einzeldarstellungen

Hands across the century (1918)

  • Prelude
  • The Passionate Allemande
  • The Wistful Courante
  • Quasi Sarabande
  • Gavotte and Musette
  • Quasi Menuetto
  • The Whirling Jig

Der Aufbau dieser 7 Stücke entspricht dem einer Suite im Barock. Die Musik hingegen klingt alles andere als Barock, sie ist ganz in spätromantischer Tradition geschrieben. Am Schluss des Prelude meint man sogar die Einleitung von Rachmaninovs 2. Klavierkonzert kurz zu hören, welches jedoch schon 18 Jahre früher geschrieben wurde. Einzig die Gavotte kommt noch im Gewand einer längst vergangenen Epoche daher. Eine quirlige Gigue 12/16 Takt beschließt den Zyklus. Ansonsten folgt er dem Entwurf von „Aus Holbergs Zeit“ von Edward Grieg, der ebenfalls nur eine Anmutung historischer Tänze, aber in zeitgemäßem Gewand ist, eben „mit den Händen durch die Jahrhunderte“, wie eine freie Übersetzung des Titels von Parrys Zyklus lauten könnte.

 

Shulbrede Tunes (1914)

  • Shulbrede
  • Elizabeth
  • Dolly (No.1)
  • Bogies And Sprites That Gambol By Nights
  • Matthew
  • Prior’s Chamber By Firelight
  • Children’s Pranks
  • Dolly (No.2)
  • In The Garden With The Dew On The Grass
  • Father’s Playmate

Shulbrede liegt in West Sussex im Süden Englands nahe Brighton, und ist ein ehemaliges Kloster, welches nach der Säkularisierung Anfang des 20. Jahrhunderts der Wohnsitz der Familie von Lord Ponsoby wurde, welcher der Schwiegersohn von Hubert Parry war. Parry entwirft hier einerseits Stimmungsbilder aus dem Umfeld des Landsitzes, als auch Portraits der Familienmitglieder einschließlich seiner Tochter Dorothea (genannt Dolly), der er gleich 2 Stücke in seinem Zyklus widmete. Man hat den Eindruck gelöster Entspannung und kann sich sehr gut eine sanfte Landschaft und eine distinguierte Gesellschaft vorstellen. Bei „Prior’s Chamber By Firelight“ hört man förmlich das Knistern des Kaminfeuers. Im letzten Stück erklingt eine englische Volksweise in mehreren Variationen, und das Stück geht für Parry ungewöhnlich virtuos zu Ende.

 

Thema und 19 Variationen d-Moll (vollendet 1885)

 Die Variationen sind nicht klar voneinander getrennt, sondern wie bei einer Chaconne gehen sie in einander über. Der Gestus ist ziemlich klar an Brahms ausgerichtet, mit seiner Vollgriffigkeit und einzelnen charakteristischen Motivgruppen. Aber der Aufbau ist sehr spannungsreich gestaltet, und die Reihe endet in einem hymnischen Ausklang.

Weitere Klavierwerke:

Kleines Klavierstück (1862), Klavierstück g-Moll (1865), Fuge e-Moll  (1865), Ouvertüre h-Moll für Klavier zu 4 Händen (1865), Sonate f-Moll für Klavier zu 4 Händen op. 20 (1865), Andante C-Dur (1867), Sonette und Lieder ohne Worte in 3 Heften ((1869, 1875, 1877), 7 Charakterbilder (1872), 2 Kurze Klavierstücke C-Dur und F-Dur (1873), Variationen über eine Air von Bach (1873-75), Großes Duo e-Moll für 2 Klaviere, 2 Sonaten F-Dur op.71 (1877) und A-Dur op. 79 (1878), „Characteristic Popular Tunes of the British Isles“ für Klavier zu 4 Händen in 2 Heften (1887), 5 Miniaturen (ediert 1926).

Ferner Konzert für Klavier und Orchester Fis-Dur (1878/79).

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