Lukás Vondrácek in Hannover

Lukás Vondrácek, überlegener Gewinner des Concours Reine Elisabeth 2016 in Brüssel, spielte im kleinen NDR-Sendesaal Hannover einen Klavierabend.

Vondrácek, der im Alter von vier Jahren sein erstes öffentliches Konzert gab und 2002 bereits mit 15 mit der Tschechischen Philharmonie unter der Leitung von Vladimir Ashkenazy debütierte trat in den letzten Jahren mit Orchestern in der ganzen Welt auf, durfte aber in Hannover dennoch nur in der zweifelhaften Reihe “Talente entdecken” spielen. Und selbst im kleinen NDR-Sendesaal blieben, obwohl offiziell “ausverkauft”, einige Plätze frei.

Wer da war, konnte in der Tat vieles “entdecken”, aber kein “Talent” sondern einen Großmeister des Klaviers, der das Wunder vollbringt, Risikofreude und restlose emotionale Hingabe mit überlegener Kontrolle und praktisch absoluter Perfektion zu verbinden. Seine gewaltigen pianistischen Fähigkeiten nutzt er für ein Klangspektrum, welches von schroffer Härte bis zum weichen, geradezu schmeichelnden Ton reicht, seine überbordende Klang- und Phrasierungsfantasie sprüht vor Einfällen und Gestaltungslust.

Die enorme Breite seines Klangfarbenspektrums nutzte er bei der den Abend eröffnenden C-Dur-Sonate op.  1 von Johannes Brahms zu einer extrem plastischen Charakterisierung der Themen, schreckte dabei auch vor ruppigen Klängen nicht zurück, um denen dann im nächsten Augenblick pure Schönheit entgegenzusetzen. Polyphone Strukturen spielte er mit glasklarer Deutlichkeit und oft beinahe herbem Ausdruck, kantable Linien mit großem Atem und leuchtendem Klang. Dabei setzt er neben der ausgeklügelten Binnendifferenzierung von Akkorden und Stimmführungen vor allem das Pedal in vielfältiger Weise zur Gestaltung ein. Vondrácek pedalisiert weder grundsätzlich sparsam noch grundsätzlich großzügig, sondern verwendet zur musikalischen Charakterisierung und Gestaltung auch hier eine ganze Skala von Möglichkeiten, die vom trockenen senza pedale bis zum dichten Über-Legato reicht. Dadurch wurden die beiden Trio-Teile in Brahms’ Scherzo op. 4 (seinem frühesten veröffentlichten Klavierwerk) fast zu Fremdkörpern, die in einem irritierenden und letzten Endes nicht aufgelösten Kontrast zu den spukhaften Scherzo-Abschnitten standen.

Diese genuin dramatische Spielweise bekam nach der Pause der Arabeske C-Dur op. 18 und vor allem dem Carnaval op. 9 von Robert Schumann besonders gut: Voller Spielfreude und Witz, aber auch innig und zart, stellte Vondrácek die rasche Folge skurriler Gestalten aus der Commedia dell’arte, aus Schumanns Fantasie oder aus der Realität (Chopin, Paganini) auf die Bühne. Die sprühende Vielfalt seiner gestalterischen Einfälle verlieh seinem Spiel die typische Schumannsche nervöse Ruhelosigkeit. Dabei ist er immer ganz dem Moment hingegeben, ohne den Blick für das Ganze auch nur einen Augenblick zu verlieren. Seine Anschlagsvirtuosität erlaubt es ihm, noch in den wildesten Passagen und dichtesten Akkordfolgen Stimmführungen hervorzuheben und zu gestalten.

Für den begeisterten Applaus der Zuhörer bedankte sich der Künstler mit dem Intermezzo A-Dur, op. 118 Nr. 2 von Johannes Brahms sowie mit einem Stück, welches ich nicht kannte (ich tippe auf Smetana, bin mir aber nicht sicher).

Lukás Vondrácek ist für mich nicht nur der wohl interessanteste und originellste Pianist der jüngeren Generation, sondern ohne Zweifel einer der besten Pianisten der Gegenwart. Seine bisherige Karriere verläuft gut, entspricht aber weder in angemessener Weise seinem Können noch der Größe seiner künstlerischen Persönlichkeit. Ich hoffe, dass die großen Konzertveranstalter ihn aus dem entwürdigenden “Talente-Stall” entlassen und ihm die Podien öffnen, die ihm zustehen. Wer ihn in Deutschland hören will, hat im Moment kaum Chancen (am 30.11. spielt er das Programm aus Hannover noch einmal im kleinen Saal der Elbphilharmonie), und auch seine wenigen bisherigen CD-Veröffentlichungen (siehe unten) sind hoffentlich nur ein bescheidener Anfang. Zum Glück ist wenigstens sein sensationeller Auftritt im Finale des Concours Reine Elisabeth mit Rachmaninoffs drittem Klavierkonzert im Internet verfügbar.

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