Eindrücke aus der Elbphilharmonie

Am vergangenen Freitag war ich zum ersten Mal in der Elbphilharmonie, wo Jewgeni Kissin mit dem NDR-Orchester unter der Leitung von Thomas Hengelbrock Bartoks zweites Klavierkonzert spielte. Nach der Pause folgte Mahlers erste Symphonie in der „Hamburger Fassung“ (allerdings absurderweise ohne den dazugehörigen „Blumine-Satz“ und somit weder in Mahlers Früh- noch Spätfassung sondern in einer Art „Hengelbrock-Fassung“; was soll der Quatsch?). Meine Erwartungen waren natürlich gespannt hoch.

Vom U-Bahnhof Baumwall kommend ist der Blick auf das imposante Gebäude zunächst zum großen Teil verstellt, aber wenn man dann am Kaiserkai den Sandtorhafen überquert, bietet es einen beeindruckenden Anblick. Nachdem ich mit Hilfe eines freundlichen Ordners durch den Einlass gekommen war (mein ausgedrucktes Ticket wurde zunächst von keinem der elektronischen Lesegeräte akzeptiert), fuhr ich die mittlerweile schon berühmte „Tube“ hinauf: Europas längste Rolltreppe (so banal darf sie natürlich hier nicht heißen), 82 Meter lang und so geschwungen, dass man an keiner Stelle von einem Ende zum anderen sehen kann. Das ist durchaus bedauerlich, denn so wird die Fahrzeit (angeblich rund zweieinhalb Minuten, „gefühlt“ mindestens das Doppelte) einfach nur langweilig. Denn man sieht nicht nur nicht, wohin die Reise geht, sondern auch sonst quasi nichts: Die Röhre um einen herum ist mit langweiligem, gedämpft weißem Stein ummantelt, dazwischen gibt es zahlreiche Bullaugen aus Mattglas, durch die man aber ebenfalls nichts sehen kann. Schon hier überkam mich ein Eindruck, der sich bis zur Saaltür fortsetzte: In diesem Gebäude bereitet nichts, wirklich gar nichts auf die Musik vor, die doch eigentlich in einer „Philharmonie“ die Hauptsache sein sollte. Warum hat man nicht (wie z.B. beim Eingang in die Berliner Philharmonie) den Platz in der Röhre genutzt, um etwa mit Komponisten-Bildern, Probenfotos, Bildern von Autographen, Konzertplakaten oder ähnlichem auch diejenigen neugierig auf die Musik zu machen, denen es im Moment noch lediglich um die tolle Aussicht auf der „Plaza“ (die natürlich nicht banal „Aussichtsplattform“ heißen darf) geht? Diese „Tube“ soll anscheinend Spannung erzeugen, aber nicht auf Musik sondern auf den Hafenblick, der einen, wenn man endlich oben angekommen ist, tatsächlich begeistern kann. Leider ist die Fensterfläche an dieser Stelle noch zu schmal, um dem Besucheransturm gerecht zu werden, man wendet sich also bald nach links und wird durch entsprechende Werbung recht deutlich aufgefordert, doch zunächst einmal das Restaurant zu besuchen. Alternativ geht es eine weitere Rolltreppe und dann noch ein paar Treppen hoch, dann ist man auf der „Plaza“ angekommen. Die bietet tatsächlich eine sehr schöne Rundumsicht auf den Hafen und die nähere Stadt, daneben eine Bar und einen Andenkenladen, in dem man, nachdem man sich an den Taschen, Bechern, Gläsern, Uhren, Aschenbechern, Kugelschreibern, Küchenbrettern (natürlich alle in Elbphilharmonieform oder mit entsprechendem Aufdruck) vorbeigearbeitet hat, tatsächlich ganz hinten rechts in der Ecke auch einen Stand mit einer handvoll Klassik-CDs findet. Abseitiger kann man das nicht mehr präsentieren.

Dann der große Saal: Er wirkt erstaunlich kompakt, mit allen Plätzen recht nah rund um die Bühne, dabei allerdings sehr in die Höhe gestreckt. Mein Platz in Etage 13, Bereich E, Reihe 2 (was aber an dieser Stelle die erste Reihe im Block ist) lag potentiell ideal: Nicht zu nah und nicht zu weit vom Orchester, etwas erhöht und nur leicht seitlich versetzt. Die Sitze sind ausreichend breit und sehr bequem, die Beinfreiheit war (zumindest an meinem Platz) gut. Erst später habe ich gelesen, dass Block E inzwischen der „Kanzler-Block“ genannt wird, weil bei der Eröffnung dort Angela Merkel gesessen hat, und dass er akustisch als optimal gilt.

Und damit komme ich zu dem, was trotz „Tube“, „Plaza“ und Andenkenladen zumindest für mich am wichtigsten ist: Wie klingt der neue Saal? Meine kürzestmögliche Antwort wäre: Er klingt überhaupt nicht. Ich habe noch nie in einem Saal dieser Größe Musik und gleichzeitig so wenig vom sie umgebenden und sie einbettenden Raum gehört, so wenig musikalische Atmosphäre wahrgenommen und so wenig Wärme im Klang. Der Flügelklang ging in unangenehmer, geradezu obszöner Direktheit zum Hörer, ohne in den Saal eingebunden zu sein bzw. ihn hörbar auszufüllen. Es wirkte wie eine – zugegeben sehr gute und präzise abbildende – Stereoanlage aber nicht wie ein musikalischer Raum, der ein gemeinsames musikalisches Erleben ermöglicht. Und die vielgerühmte „Transparenz“? Bei Bartok keine Spur davon! Schon die Trompete am Anfang war nur mühsam und dank Partiturkenntnis auszumachen, die vielfachen polyphonen Strukturen (vor allem in den Bläsern) gingen in einem nahezu unverständlichen, kompakten Einheitsklang unter. Das mag zu einem guten Teil auch am Orchester bzw. Dirigenten gelegen haben, eine gewisse Besserung trat immerhin nach der Pause bei der Mahler-Symphonie ein. Aber diese Direktheit des Klangs, die ihm im wahrsten Sinne des Wortes jede Ausstrahlung nimmt und ihn statt dessen zum bloßen Träger von Informationen degradiert, ist durch nichts zu überspielen. Sie hat – und das ist vielleicht am allerschlimmsten – außerdem zur Folge, dass man als Hörer trotz der gut 2000 Mithörer quasi allein ist. Das spürbar gemeinsame Hören, welches (neben der Unwiederholbarkeit und der partiellen Unvorhersehbarkeit) einen ganz wesentlichen Teil eines Konzerterlebnisses ausmacht, findet hier kaum statt, weil man zwar gemeinsam im selben Raum sitzt, aber von diesem quasi nichts hört. Die Töne füllen den Raum nicht aus sondern, werden von diesem nicht zu einem musikalischen Gesamtklang vereinigt, sondern gehen beziehungslos und in ordinärer Direktheit zum einzelnen Hörer. Und selbst die an sich positive Möglichkeit, in diesem Saal den Pianissimo-Bereich bis zur Grenze der Hörbarkeit zu nutzen, hat ihre gewichtige Kehrseite: Vor allem die Streicher müssen, um überhaupt pianissimo zu klingen, in einer Weise spielen, die nichts mehr mit den natürlichen Gegebenheiten ihrer Instrumente zu tun hat (nur wenige Bogenhaare und eine Bogengeschwindigkeit in der Nähe zum Stillstand) und in der Gruppe zu einem zwar leisen, aber substanzlosen Ton führt. Ab dem Mezzoforte hingegen wird der Streicherklang unangenehm kalt und unsinnlich. Auch das mag alles bei einem Weltklasseorchester anders klingen, aber erstens ist das NDR-Orchester nicht gerade Provinzklasse, und zweitens spielen halt auch im angeblich „besten Saal der Welt“ nicht immer nur die besten Orchester.

So überwiegt leider eine große Enttäuschung: Weder die spektakuläre und ohne Zweifel sehenswerte Architektur noch die Ausgestaltung im Inneren laden erkennbar zu einem musikalischen Erlebnis ein, machen neugierig auf Musik. Wer es dennoch über die „Plaza“ hinaus in den großen Saal schafft, hört kühle, ebenso geheimnis- wie beziehungslose Töne oder gar (wie an diesem Abend bei Bartok) kompakten, unstrukturierten Lärm. Ich werde diese ersten Eindrücke im nächsten Jahr bei zwei weiteren Konzerten überprüfen.

Eine Antwort auf „Eindrücke aus der Elbphilharmonie“

  1. Lieber Christian

    Das hast Du sehr plastisch beschrieben und es deckt sich auch weitgehend mit meinem Höreindruck. Der wurde noch dadurch getrübt, dass bei einer Kombination von Sängern und Orchester die Sänger einen schlechten Stand haben und nicht gut zu vernehmen sind. Man hat versucht durch unterschiedliche Positionierung dieses Problem zu lösen, aber bei allen 3 Werken die ich dort gehört habe war es eher unbefriedigend.
    Die Euphorie mit der sich die meisten über den Saal äussern hat wohl mehr damit zu tun, dass er so spektakulär vermarktet wird. Übrigens beurteilt eine Freundin von mir, die freischaffende Kritikerin ist und dort schon recht häufig war, den Saal auch eher kritisch. Ich liebe indes die gute alte Musikhalle, in der ich einen wesentlichen Teil meiner musikalischen Sozialisation erlebt habe. Und deren kleinen Saal finde ich sogar akustisch lohnender als sein Pendant in der ElPhi.
    Vielleicht hätte die Stadt Hamburg das Geld doch besser für die Sanierung seiner Krankenhäuser einsetzen sollen, anstatt diese zu verkaufen.

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