Radu Lupu beim Klavierfestival Ruhr 2017

Ich habe ein paar Tage gezögert, über Radu Lupus diesjährigen Klavierabend beim Klavierfestival Ruhr im Düsseldorfer Robert-Schumann-Saal überhaupt etwas  zu schreiben. Ich habe für diesen großen Pianisten und Künstler seit Jahrzehnten eine Bewunderung wie nur für ganz wenige. Seine Schubert-Aufnahmen sind für mich ein Wunder an Natürlichkeit, Empfindsamkeit, Anschlags- und Klangkultur, seine Beethoven-Konzerte mit Zubin Mehta ziehe ich allen anderen Gesamtaufnahmen vor, in Konzerten hat er mich immer wieder zutiefst beeindruckt und bewegt. Sein unglaublich nuancenreicher, lyrisch singender Klavierton, sein phänomenales Gespür für Proportionen und Relationen und vor allem die großartige Natürlichkeit seiner Interpretationen waren und sind für mich unerreicht. Wo z.B. Grigory Sokolov mit seiner radikalen, bisweilen geradezu experimentellen Subjektivität sich die Werke so sehr zu eigen macht, dass man manchmal beinahe mehr von ihm als von Beethoven oder Schumann fasziniert ist, da hatte man bei Lupu immer das Gefühl, er brächte, scheinbar ohne jede Anstrengung, einfach die Musik selbst zum Sprechen. Das gab seinen Interpretationen im wahrsten Sinne des Wortes etwas Selbst-Verständliches, welches ich so bei keinem anderen Musiker erlebt habe. Er suchte und brauchte keine Extreme, spielte nie auf sich aufmerksam machend sondern immer wie für sich, in entspannter Versenkung in die Musik. Es war immer wieder beglückend und berührend, daran teilhaben zu dürfen.

Entsprechend groß war meine Vorfreude auf seinen diesjährigen Klavierabend, zumal er mit Schumanns C-Dur-Fantasie auch noch ein Gipfelwerk deutscher Romantik in den Mittelpunkt des Programm gesetzt hatte, welches einen riesigen Spannungsbogen von kühner Fantastik und leidenschaftlichem Zugriff über rhythmische und virtuose Ekstase bis zu zartester Innerlichkeit spannt. Natürlich war auch hier nicht zu erwarten, dass Lupu sich durch die Schumannschen Extreme, seine innere Zerrissenheit und drängende Nervosität aus der Ruhe seiner musikalischen Versenkung bringen lassen würde. Aber dieses Werk ist in seiner Ausdruckstiefe und Komplexität natürlich weit mehr als der leidenschaftliche Geniestreich eines jungen, ebenso stürmisch wie unglücklich verliebten Komponisten, und es kann deshalb auf ganz unterschiedliche Arten verstanden und gespielt werden. Erwartet hätte ich eine vor allem lyrische, vielleicht auch “altersmilde” oder “altersweise” Darstellung (das Wort “Weisheit” kam mir bei Lupus Konzerten immer in den Sinn), aber was ich statt dessen hörte, war eher altersmüde. Mit zunehmendem Entsetzen musste ich erleben, wie der einst große Künstler nur noch als Schatten seiner selbst durch das Werk irrte. Charakterisierung (“Durchaus phantastisch und leidenschafltich vorzutragen”!) fand quasi nicht statt, Phrasen waren nicht mehr erkennbar, die Dynamik war eingeebnet, sein früher so unauffällig perfektes Pedalspiel war durchgehend schlampig, rhythmische Strukturen waren bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Die früher traumwandlerisch sichere Gestaltung großer Spannungsbögen (z.B. bei den großartigen Einspielungen der Schubert-Sonaten!) war hier nicht einfach missglückt sondern nicht vorhanden. Das Schlimmste war: Lupu wirkte bei all dem nicht nur extrem schlecht vorbereitet sondern uninteressiert. Das Werk (die Schumann-Fantasie!) schien ihm nicht mehr der Mühe wert zu sein, in irgendeiner Weise gestaltet zu werden, sich seinetwegen der Anstrengung zu unterziehen, Themen zu charakterisieren oder auch nur sauber zu pedaliseren. War mir bei den Haydn-Variationen zu Beginn noch lediglich etwas unwohl, so wurde ich bei Schumann von zunehmendem Entsetzen gepackt über einen solchen geistigen (und anscheinend auch körperlichen) Niedergang eines einstmals großen Musikers und Pianisten. Natürlich gab es immer noch ein paar “schöne Klänge”, berührende Momente, kurze Kostbarkeiten, aber sie wirkten wie zufällig liegen gebliebene Bruchstücke.

Mit einer Mischung aus Scham und Mitleid beschloss ich, das Konzert in der Pause zu verlassen.

 

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