Von Talenten und Meistern

Bei den renommierten Hamburger ProArte-Konzerten wurde für die Saision 2017/2018 die neue Konzertreihe “Talente entdecken” angekündigt, in der im kleinen Saal der Elbphilharmonie vier Preisträger internationaler Klavierwettbewerbe auftreten werden. Die Reihe (die in gleicher Form auch bei den Heinersdorff-Konzerten in Düsseldorf stattfindet) ist ein Gegenstück zu den “Meisterpianisten” desselben Veranstalters mit sechs international bekannten Stars der Zunft in der Laeiszhalle. Nun weiß jeder Musiker und jeder interessierte Musikfreund, dass der Weg vom “Talent” zum “Meister” lang und steinig ist und auf ihm viele Absturzgefahren lauern. Die Liste ehemaliger Talente, die auf diesem Weg aus unterschiedlichen Gründen gescheitert sind, ist schier endlos, und es ist leider mit Sicherheit davon auszugehen, dass sie eine ebenso endlose Fortsetzung erfahren wird. Ein “Talent” ist eben noch kein “Meister”. Wenn aber die Veranstalter in Hamburg gestandenen Musikern, die sich im internationalen Vergleich längst herausragend bewährt haben, nach wie vor lediglich den “Talent”-Status von Kindern oder Jugendlichen zugestehen, ist das keine Fördermaßnahme sondern eine Unverschämtheit. Lukás Vondrácek, der im vergangenen Jahr den Concours Reine Elisabeth in Brüssel überlegen gewann, spielte dort im Finale das dritte Rachmaninow-Konzert in großartiger Synthese aus Leidenschaft, Risikobereitschaft und nahezu absoluter Perfektion  – und darf nun zum Dank in der kommenden Saison in Hamburg einmalig sein “Talent” beweisen, welches ihn vielleicht dereinst zum “Meister” werden lassen wird. Man fragt sich, ob die Ignoranz oder die Arroganz hinter einer solchen Etikettierung überwiegt. Vondrácek ist kein “Talent” sondern einer der besten Pianisten der Gegenwart!

Der ganze Zynismus der Hamburger Veranstalter wird deutlich, wenn man die Beschreibung ihrer neuen Reihe liest: Diese solle

dazu beizutragen, dass die Künstler sich gerne an ihr Hamburg-Debüt erinnern und an die Elbe zurückkehren, wenn sie zu Weltstars geworden sind.

Wer sonst, wenn nicht einer der größten Veranstalter des Landes, hätte denn nicht nur die Aufgabe sondern auch die Möglichkeit, die herausragenden Musiker unserer Zeit zu entdecken, nachhaltig zu fördern und damit dazu beizutragen, dass sie vielleicht zu “Weltstars” werden? Hier geschieht das schiere Gegenteil: Man macht seine Geschäfte mit ihnen und tritt sie gleichzeitig zurück in den Talente-Stall, wo sie sich dann gern an das große Ereignis “erinnern” dürfen. Unfreiwillig komisch wird diese Form der “Talentförderung” übrigens, wenn man sieht, dass unter den “Meisterpianisten” der 22-jährige Deutsche-Grammophon-Künstler Jan Lisiecki auftritt, während der 31-jährige Lukás Vondrácek als hoffnungsvolles “Talent” angekündigt wird.

Leider sind die ProArte-Konzerte nur ein Beispiel von vielen: Landauf landab werden Preisträger selbst der größten, berühmtesten und vor allem anspruchsvollsten internationalen Wettbewerbe anschließend in B- oder C-Reihen abgeschoben – sofern sie überhaupt engagiert werden. Dort dürfen sie dann genau einmal spielen, bevor sie im nächsten Jahr durch Frischfleisch aus dem Stall ersetzt werden. Beim Klavierfestival Ruhr versucht man das mit der Überschrift “Die Besten der Besten” zu kaschieren, schließt sie aber genauso wie in Hamburg von vornherein aus dem Kreis der “richtigen” Pianisten aus. Wenn es tatsächlich die “Besten der Besten sind”, warum dürfen sie dann nicht gleichberechtigt mit den Besten spielen?

Natürlich könnte es sein, dass ein Gewinner auch eines großen internationalen Wettbewerbs beim ersten Mal noch nicht die 2000 Plätze der Laeiszhalle füllen würde, wie es Daniil Trifonov, Yuja Wang oder Grigory Sokolov jederzeit schaffen. Ein Veranstalter würde also ein gewisses wirtschaftliches Risiko eingehen oder bewusst erst mit mittelfristigem Erfolg rechnen, wenn er einen noch wenig bekannten musikalischen Großmeister für seine normalen Abo-Reihen engagierte. Er sollte aber, wenn er dazu nicht bereit ist, wenigstens darauf verzichten, ihn mit dem Etikett “Talent” öffentlich zu demütigen und ihm dann noch heuchlerisch schöne Erinnerungen zu wünschen und auf ein Wiedersehen zu vertrösten, wenn er woanders zum “Weltstar” geworden ist.

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