Ludwig van Beethoven, Klaviersonate A-Dur op. 101

Gastbeitrag von Peter Westendorf

Beethoven komponierte diese Sonate 1816 und sie steht am Anfang der Gruppe von 5 Sonaten die man allgemein zu seinem Spätwerk rechnen darf. Die Widmungsträgerin Dorothea Ertmann meinte der Beethoven Biograf George Marek als dessen unsterbliche Geliebte ausfindig gemacht zu haben (G. Marek „L. van Beethoven, das Leben eines Genies“; S. 286-300). Ebenfalls 1816 entstand auch Beethovens Liederzyklus „an die ferne Geliebte“. Zufall oder gleicher Impuls? Es bleibt ein wenig spekulativ, aber die Ausführungen von Marek erscheinen durchaus schlüssig. Die Widmung ist aber kein unmittelbarer Reflex auf Beethovens Briefe an die „unsterbliche Geliebte“, denn die wurden bereits 1812 geschrieben.

Die Sonate hat 4 Sätze, wie bei den späten Sonaten nur noch die folgende in B-Dur op. 106:

Etwas lebhaft und mit der innigsten Empfindung – Allegretto, ma non troppo
Lebhaft. Marschmäßig – Vivace alla Marcia
Langsam und sehnsuchtsvoll – Adagio, ma non troppo, con affetto
Geschwinde, doch nicht zu sehr, und mit Entschlossenheit – Allegro

Die Vortragsbezeichnungen in Deutsch hatte er bereits in der vorangegangenen Sonate e-Moll op. 90 verwendet, und wird sie danach nur noch einmal für den Variationssatz der Sonate E-Dur op. 109 gebrauchen. Sie sind auch für den Interpreten weit aussagekräftiger. Schumann wird diese Vorgehensweise dann ziemlich konsequent weiterführen.

Der erste Satz beginnt gewissermaßen mittendrin. Richard Wagner bezeichnete ihn als typisches Beispiel für eine „unendliche Melodie“. Die Ausgangstonart A-Dur wird gleichsam verschleiert, und der Satz hat eigentlich viel mehr von E-Dur. Auch gibt es nur ein Thema welches in Motivzellen zerlegt und durchgeführt wird. Auffällig sind auch die unruhigen Synkopen zu Beginn der Durchführung und vor der Schlußgruppe.
Der ganze Satz hat etwas aphoristisches, denn das musikalische Material ist ausgesprochen kompakt und dicht gefügt. Er dauert denn auch ca. 5 Minuten, je nachdem ob der Interpret das „etwas lebhaft“ oder „mit der innigsten Empfindung“ stärker betont.

Der zweite Satz ist „alla marcia“ überschrieben, und soll daher nicht wie ein Marsch, sondern nur marschmässig erklingen. Er ist in F-Dur notiert, was in einer Sonate die ursprünglich in A-Dur steht zunächst ungewöhnlich erscheint, aber über die parallele Molltonart d-Moll und deren äolischer Ausprägung stellt sich ein Bezug zu A-Dur her. Das Tempo ist straff und „zackig“, sollte aber nicht zu schnell genommen werden, da der Satz kontrapunktisch sehr kunstvoll gearbeitet ist. Der ruhigere Mittelteil ist denn auch konsequenterweise kanonisch ausgeführt. Der Gestus des Satzes beruht auf einem unruhigen punktierten Rhythmus. In seiner Länge übertrifft er den Kopfsatz um einiges, und ist auch im Vergleich zu anderen Scherzi aus Beethovens Sonaten ungewöhnlich lang.

Der Dritte Satz ist ein getragenes Adagio, das sehr kurz gehalten und fast rezitativisch ist. Fast könnte man es als Einleitung zum Finale ähnlich der „Waldsteinsonate“ oder der unmittelbar nachfolgenden „Hammerklaviersonate“ sehen. Der Ausdrucksgehalt ist indes außergewöhnlich breit und ergreifend. Aber als vollwertiger langsamer Sonatensatz ist er eigentlich zu kurz geraten, weswegen man bei der Sonate durchaus von drei vollwertigen Sätzen sprechen darf, sofern man das Adagio als einleitendes Intermezzo zum Finale betrachtet.
Nach einer kurzen Kadenz wird das Thema des ersten Satzes wiederholt und es folgt eine rasche Überleitung zum Finale. Dieses ist in Sonatenform gearbeitet, mit einem Thema das von einer fallenden Quint und Terz dominiert wird. Die Durchführung ist eine schulmäßige dreistimmige Fuge, die nach einer Klimax und in die Höhe rauschenden Arpeggien zum Ausgangsthema zurückführt.

Hier sollte man Beethovens Anweisung „geschwinde, doch nicht zu sehr“ beachten, denn sonst wirkt der Satz zu verhuscht, und das „Gerüst“ und die davon ausgehende Innenspannung lässt sich nicht erleben. Auch dieser Satz lebt von einer ausgesprochen kunstvollen thematisch- kontrapunktischen Verarbeitung. Der Hang zu Fugen in Beethovens späten Sonaten zeigt sich hier geradezu exemplarisch, und wir finden sie in allen nachfolgenden Sonaten mit mehr oder minder großer Ausprägung.
Die Sonate demonstriert sehr eindrücklich Beethovens Kunst der Verdichtung von musikalischem Material. Alles wirkt konzentriert und mit großer Stringenz durchgearbeitet. Gegenüber der eher ausschweifenden Faktur der Sonate op.106 (Hammerklaviersonate), die allerdings deutlich andere Intentionen verfolgt, wirkt die Sonate A-Dur ebenso wie die drei letzten Sonaten (op.109-111) fast bescheiden. Aber wir sehen hier, dass Beethoven neben seinen groß angelegten Werken der Spätzeit, auch gerade in der kleineren Form epochales zu sagen hat.

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