Martin Stephani, eine deutsche Musikerbiographie im 20. Jhdt.

Wie geht man mit der Biographie eines hoch verehrten Künstlers, Lehrers und Hochschulrektors um, dessen Musikerkarriere in der Waffen-SS und im SS-Führungshauptamt begann? Darüber wurde in den vergangenen eineinhalb Jahren an der Musikhochschule Detmold heftig gestritten. 

Der Wikipediaeintrag vom 25. Juli 2015 des 1915 in Eisleben geborenen Dirigenten und Hochschulrektors Martin Stephani beginnt wie folgt:

Stephani studierte in Berlin bei Walther Gmeindl, Fritz Stein und Kurt Thomas. 1948 kam er nach Marburg, wo er ein Studio für Neue Musik gründete. 1951 wurde er Dirigent der Konzertgesellschaft von Wuppertal. 1955 wurde er Leiter des Bergischen Landeskonservatoriums.

1957 erfolgte die Berufung zum Dirigierlehrer an der Nordwestdeutschen Musikakademie (heute: „Hochschule für Musik Detmold“) in Detmold. 1959 wurde er Generalmusikdirektor der Stadt Wuppertal (Vorgänger: Hans Weisbach). Außerdem beerbte er in diesem Jahr Wilhelm Mahler in dessen Funktion als Direktor der Akademie. In dieser Funktion verblieb er bis 1982.

Die Biographie beginnt also im Jahr 1948, als Stephani 33 Jahre alt wurde, zeigt aber eine auffällige Lücke für die Jahre davor. Diese Lücke wurde auch an der Hochschule für Musik Detmold, wo Stephani unter ehemaligen Studierenden und Kollegen bis heute in einem geradezu legendären Ruf steht, über Jahrzehnte sorgfältig gepflegt. Ich bin, zunächst als Student, später als Lehrbeauftragter und schließlich seit 2005 als festangestellte Lehrkraft der Hochschule seit 35 Jahren eng verbunden, habe in dieser Zeit unendlich viele bewundernde Anekdoten über den Altrektor gehört, ohne je auch nur eine Silbe über seinen Werdegang vor 1945 erfahren zu haben. Das änderte sich erst am 23. Oktober 2015, als der seit einem Jahr amtierende Rektor Prof. Dr. Thomas Grosse in seiner öffentlichen Ansprache zur feierlichen Studienjahreseröffnung auf den bevorstehenden 100. Geburtstag Stephanis einging, dabei zwar dessen Verdienste um die Hochschule ausdrücklich würdigte, aber – zum lähmenden Entsetzen eines guten Teils des Publikums – auch seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS und der Leibstandarte Adolf Hitler thematisierte. Dr. Grosse begründete damit die Entscheidung des Rektorates, auf ein Gedenkkonzert  für Stephani zu verzichten und statt dessen den Bielefelder Historiker Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung von Stephanis Rolle im Dritten Reich zu beauftragen. Die empörten Reaktionen von Alt-Mitgliedern der Hochschule ließen nicht lange auf sich warten: Bereits wenige Tage nach der Studienjahreseröffnung kam es zum Bruch zwischen mir und dem Vorsitzenden des Alumni-Vereins der Hochschule, aus dessen Vorstand ich in der Folge zurücktrat. Während die regionale und überregionale Presse sowie der WDR positiv über die Angelegenheit berichteten und auch der Senat der Hochschule das Vorgehen des Rektorates einstimmig befürwortete, brachten am 15.11.  fünf emeritierte Professoren, darunter zwei ehemalige Rektoren der Hochschule in der Lippischen Landeszeitung ihren Protest gegen die angekündigte Untersuchung zum Ausdruck. Die vorgebrachten Argumente klangen jenseits des konkreten Falles vertraut: Stephani sei im Entnazifizierungsverfahren 1948 entlastet worden, zu demselben Ergebnis sei 2006 in einem Beitrag für ein Jahrbuch zur Geschichte der Stadt Marburg Helga Bernsdorff gekommen, die ihre Untersuchung mit der angeblich „erwiesenen“ Behauptung krönte, dass „Stephani keine Nazigesinnung hatte, noch weniger Handlungen in diesem Sinne begangen hat“. Eine erneute wissenschaftliche Untersuchung von dessen Vergangenheit sei folglich überflüssig und schade dem Ruf Stephanis sowie der Hochschule. Niemand von den fünf emeritierten Professoren oder der zahlreichen ehemaligen Studierenden aus der Zeit von Stephanis Rektorat, die sich in der Folge in Leserbriefen, empörten Mails usw. diesen Argumenten anschlossen, kam offenbar auf die Idee, dass angesichts einer De-facto-Freispruchrate von fast 99 Prozent mit den Entscheidungen der Spruchkammern zur Entnazifizierung vielleicht doch nicht immer die ganze historische Wahrheit bekannt wurde, oder dass der Ruf der Hochschule (die Studierende aus über 40 Ländern hat, darunter auch aus Israel) möglicherweise gerade dann leiden könnte, wenn sie ihren Altrektor mit Nazi-Vergangenheit weiterhin auf seine Nachkriegs-Karriere reduzierte und ihn mit einem Gedenkkonzert zu seinem 100. Geburtstag feierte.

War Stephani tatsächlich ein „unpolitischer“ Musiker, ohne innere Nähe zum Nazi-Regime, der – so seine spätere Behauptung – auch im SS-Führungshauptamt „rein künstlerisch“ gearbeitet hat? Nach einem guten Jahr, in dem er unter anderem Quellen aus dem Bundesarchiv in Berlin und Koblenz, den Archiven der Universität der Künste Berlin, dem Hessischen Staatsarchiv, dem Stadt- und Universitätsarchiv Marburg, weitere Dokumente aus Privatbesitz sowie Zeitzeugeninterviews auswertete, legte Prof. Schmuhl seinen vorläufigen Bericht vor und kam zu eindeutigen Ergebnissen, die der Senat der Hochschule in seiner Pressemitteilung vom 14.12.2016 wie folgt zusammenfasste:

Aus [Prof. Schmuhls vorläufigem Bericht] geht hervor, dass die Versetzung Stephanis von der Wehrmacht zur Leibstandarte Adolf Hitler der Waffen-SS im Mai 1941 auf Initiative des Kommandeurs der Leibstandarte, SS-Obergruppenführer Sepp Dietrich, erfolgte. Stephani fügte sich dem nur widerstrebend. Willkommen war ihm dagegen die Möglichkeit eines Wechsels in das Musikreferat im SS Führungshauptamt. Er verzichtete auf den schließlich doch noch möglich gewordenen Arbeitsurlaub in Olmütz, wo man ihm die Stelle eines Städtischen Musikdirektors in Aussicht gestellt hatte. Stephani war bis zum Ende des Krieges, zuletzt im Rang eines SS-Obersturmführers, als Musikreferent der Waffen-SS im SS-Führungshauptamt tätig. Der privaten Korrespondenz aus dieser Zeit ist zu entnehmen, dass Stephani sich mit den Herrschaftszielen des nationalsozialistischen Deutschlands identifizierte und seine künstlerische Tätigkeit mit dem Symphonieorchester der Waffen-SS als Beitrag zur Erziehung zu einer „wahrhaft nationalsozialistischen Weltanschauung“ verstand.

Vor allem die persönlichen Zeugnisse, die Prof. Schmuhl aufspürte, Briefe Stephanis an seine Eltern und an seinen Bruder Reinhart aus den Jahren 1940 bis 1944, waren aufschlussreich, weil er sich da nicht nach außen darstellte sondern seine politischen Anschauungen privat äußerte. So feierte er z.B. den deutschen Überfall auf die Sowjetunion wenige Tage nach dessen Beginn als „wohl die genialste Tat des Führers seit Kriegsbeginn“ und unterstützte ausdrücklich den Kampf gegen das „Gift“ des Judentums, welches das Ziel habe, „die Welt zu knechten“.  Seine Siegesgewissheit und Loyalität gegenüber dem NS-Staat und der Waffen-SS behielt er bis in die Schlussphase des zweiten Weltkriegs bei.

Den Umfang seiner Tätigkeit als Leiter des SS-Sinfonieorchesters stellte er nach dem Krieg übertrieben dar, um (wie Prof. Schmuhl vermutet) zu belegen, dass er ja nur Musik gemacht habe. Davon kann indessen keine Rede sein: Seine Abteilung im Musikreferat des SS-Führungshauptamtes veröffentlichte 1942 eine Auflistung verbotener, unerwünschter und empfohlener Musik, die nach den Untersuchungen von Prof. Schmuhl mit großer Wahrscheinlichkeit auf ihn zurückgeht. In der Definition verbotener, also jüdischer Musik ging diese Liste teilweise noch über das berüchtigte „Lexikon der Juden in der Musik“ hinaus, dessen Verwendung ansonsten ausdrücklich angemahnt wurde. Auch Stephanis spätere Behauptungen, er habe sich für verfemte Komponisten eingesetzt, weist Prof. Schmuhl zurück: So wurden z.B. Aufführungen von Werken Paul Hindemiths keineswegs von allen Parteistellen abgelehnt und sind deshalb auch kein Beleg für eine angebliche Widerstandshaltung gegenüber „der“ nationalsozialistischen Kulturpolitik. Schließlich lässt Prof. Schmuhl auch an Helga Bernsdorffs Artikel im Marburger Jahrbuch (s.o.) kein gutes Haar: Sie habe als Nicht-Historikerin „einen typischen Anfängerfehler gemacht“, indem sie sich ausschließlich auf naturgemäß schöngefärbte Quellen aus dem Entnazifizierungsverfahren stützte, ohne diese im Kontext mit den Primärquellen zu lesen. Auch weitere problematische Quellen habe sie unkritisch verwendet und sei deshalb „einer Selbststilisierung Martin Stephanis aufgesessen“.

Der endgültige Abschlussbericht von Prof. Schmuhls verdienstvoller Untersuchung wird 2017 im Rahmen der von Prof. Dr. Rebecca Grotjahn herausgegebenen Schriftenreihe „Beiträge zur Kulturgeschichte“ im Allitera-Verlag in Form einer Monographie vorgelegt werden. Hier soll im Detail die Biographie Stephanis vor und nach 1945, insbesondere auch seine Berufung als Direktor an die heutige Hochschule für Musik Detmold, dargestellt werden.

Seit der Veröffentlichung der ersten Ergebnisse ist es in Detmold um die ganze Angelegenheit merkwürdig still geworden: Innerhalb der Hochschule gibt es kaum einen Zweifel, dass die Untersuchung notwendig, richtig und längst überfällig war, öffentliche Proteste hat es seither quasi nicht mehr gegeben. Mindestens einer der fünf emeritierten Professoren (Prof. Schnurr), die sich noch im November 2015 öffentlich gegen eine „erneute“ Aufarbeitung empörten, hat inzwischen seine Haltung überdacht und korrigiert, was ihm meines Erachtens hoch anzurechnen ist.

Martin Stephani war in den 23 Jahren seines Detmolder Rektorats zweifellos eine herausragende Persönlichkeit, unter dessen Initiative und Verantwortung viele Weichen gestellt wurden, die die Hochschule zu einem der führenden musikalischen Ausbildungsinstitute Deutschlands und Europas gemacht haben. Mehr als 33 Jahre nach seinem Tod ist nun aber endlich auch ein von Fakten statt Mutmaßungen, Spekulationen und Idealisierungen geprägter Blick möglich auf seine Tätigkeit im Dritten Reich, mit dessen Herrschaftszielen er zweifellos übereinstimmte und in deren Dienst er sein musikalisches und musikpolitisches Wirken stellte, sowie auf seine Bemühungen, seine Vergangenheit nach dem Krieg zurechtzubiegen. Er selbst verstand sich bis 1945 ausdrücklich als Musiker „betont politischer Haltung“, der Lebensraum- und Vernichtungskrieg war ihm ein „heiliger Krieg“, dessen angeblich göttliche Berechtigung durch die Musik Ausdruck erfahren kann. Man muss es so deutlich sagen: Alle seine späteren Beteuerungen, er habe „nur künstlerisch“ gewirkt, sind damit als Legende entlarvt.

Der Senat der Hochschule beschließt seine Stellungnahme zu Prof. Schmuhls vorläufigem Bericht mit den Worten:

Der Senat erkennt die großen Verdienste Prof. Stephanis für die Hochschule und die bis heute andauernde Bedeutung seines Wirkens an. Der Senat sieht jedoch kritisch, wie Ideologien und Weltanschauungen – auch und gerade im Hinblick auf kulturelles Denken und Handeln – auf Lebensentwürfe Einfluss nehmen können. Die Causa Martin Stephani zeigt erneut, dass Musik nicht unabhängig von Gesellschaft und Politik besteht. Die Hochschule für Musik Detmold stellt sich der Verantwortung, diesem Aspekt der Kunstausübung gerecht zu werden.

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